Frühlingsanfang 2009


"Leben in Freiheit, Freundschaft, Schönheit"

Der Frühling beginnt und
der Dritte Ort stellt sich vor

am 22. März 2009, 12:00 Uhr, Polytope Morgengesellschaft



Die Winterpause ist vorbei und es geht weiter mit unserem Morgensalon, der Polytopen Morgengesellschaft. Für diesen Salon sind zwei Programmpunkte vorgesehen. Wir sind oft gefragt worden, was wir eigentlich vorhaben. Zum einen wollen wir an diesem Morgen Ziele, Träume, Projekte und den überschäumenden Tatendrang des Dritten Orts vorstellen.Was verbirgt sich z.B. hinter dem Projekt "Aphrodisischer Tempel"? Wie können wir ein zwischenmenschliches Gewebe, ein soziales Netz spinnen, das Menschen trägt, die mit mehr als einem Liebsten Bett und Tisch teilen? Warum wollen wir eine neue Form von Wissenszentrum gründen, in dem theoretisches Nachdenken Hand in Hand geht mit dem praktischen Austausch einer lokalen Gemeinde? Und was hat das alles mit der Idee einer raumverbindenden Gemeinschaft zu tun?

Bei dieser Präsentation geht es uns nicht darum, neue Mitstreiter für den Dritten Ort zu rekrutieren, sondern zur Diskussion und zur Vorstellung eigener Projekte und Ideen der zahlreich erscheinenden Salongäste anzuregen. Im zweiten Teil des Salons möchten wir deshalb eine Gelegenheit zum Vernetzen bieten: Wir wollen hören, was andere machen, was ihre Ideen, Absichten und Meinungen sind, wo Schnittmengen liegen.

Dies ist eine Veranstaltung im Rahmen der Polytopen Morgengesellschaft. Was das ist und wie sie funktioniert, erfährt ihr hier.
Wer interessiert ist und uns nicht kennt, möge sich bitte frühzeitig bei uns melden.


Essen: Unsere Polytope Morgengesellschaft findet diesmal in unserer kleinen Höhenhausener Kolonie in Köln statt. Essen in jeglicher Form müssen deshalb Besucher und Besucherinnen selbst mitbringen. Von Brötchen Croissants, Marmelade, Wurst, Käse, Eier, Kuchen, Müsli ist alles willkommen.

Veranstaltungsort: Wie gesagt in unserer Höhenhausener Kolonie im Kölner Nord-Osten. Wer die Anfahrt und Adresse nicht kennt, erfragt sie bitte. Kontakt hier.

Datum & Zeit: Sonntag, 22. März 2009, 12 Uhr

Kosten: Wir wollen selbstverständlich keinen Gewinn mit der Veranstaltung machen; also ist der Eintritt frei. Wer den Brunch genießen will, muß aber was mitbringen. Und wir freuen uns für Spenden für die Infrastruktur und Grundversorgung. Also werden wir wie jedesmal wieder Geld sammeln.

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Ankündigung



Die Winterpause ist vorbei und es geht mit neuen Ideen weiter.


Vorstellung des Dritten Ortes mit Brunch und Ideenaustausch am 22. 03. 09 in Köln (Ort wird noch bekannt gegeben).

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Grundlagen einer polyamoren Kultur

Wer mehr als eine(n)liebt und mehr will als sexuell seinen "Ego-Trip" auszuleben, muss sich eine neue Lebensweise mit den PartnerInnen aufbauen. Und wer keine Lust mehr auf die künstlich geputschte Leistungsschau hat, die heute "erotische Kultur" oder "Beziehungsmarkt" genannt wird, muss neue Wege gehen. Deshalb beschäftigt sich eines unserer Projekte mit einer anderen Kultur der Begegnung.

Menschen, die mit mehr als einem anderen Menschen Bett und Tisch teilen, müssen für sich in einer Vielzahl von Themenfeldern neue, angemessene Lösungen entwickeln, etwa bei Familiengestaltung, Wohnformen, Elternschaft, Unterhalt, Gesundheit, persönlicher Vertretung, Erbrecht usw. Unsere heutige Gesellschaft, die traditionellerweise ihr Fundament in der monogamen Familie sieht, hat nur wenig anzubieten, auf das bei diesen Themen aufgebaut werden kann.

Wenn es jedoch um das Werben und Flirten, das Pflegen von Liebschaften und Partnerschaften, um erotische Grundversorgung, Attraktivität und Annäherung geht, liegt es nahe, auf herkömmliche Modelle zurückzugreifen, wie sie in unserer modernen, liberalen und individualisierten Gesellschaft üblich sind. Mehr noch, Lebensstile, die sich zu "Polyamory", "Freier Liebe", "Offenen Beziehungen" und ähnlichem bekennen, können als ganz folgerichtiger Ausdruck der sozialen Bindungslosigkeit, Beliebigkeit und Anonymität verstanden werden, die durch die voranschreitende soziale Atomisierung der konsumorientierten und durchkommerzialisierten Gesellschaften des Westens entstehen. Es wäre also ganz natürlich, sich an dem zu orientieren, wie auch sonst in der Gesellschaft "Beziehungen" gepflegt und angebahnt werden.

Andererseits ist in Milieus, die diese Lebensstile praktizieren oft der Wunsch nach einem anderen zwischenmenschlichen Umgang und einem anderen erotischen Verständnis zu hören. Etwa wenn mensch den Druck herkömmlicher Schönheitsideale beklagt, sich bessere Kontaktmöglichkeiten für schüchterne Menschen wünscht oder nach Möglichkeiten erotischer Erfüllung für partnerlose, unattraktive, behinderte Menschen fragt. Vor allem aber stellt sich die Frage nach einem anderen sozialen und zwischenmenschlichen Netz, wenn es um den fairen, umsichtigen und pflegenden Umgang mit den Partnern und unter den verschiedenen Partnern geht, um den Kontakt zwischen den Geschlechtern (und innerhalb der Geschlechter) oder um die Bewältigung von Einsamkeit und Eifersucht.

Wir glauben, dass eine solche neue, andere Kultur der Begegnung möglich ist und setzen uns für ihre Verwirklichung ein. Sie wird aber nicht aus dem Nichts entstehen und es ist naiv zu glauben, dass gütige Menschenliebe oder sexuelle Unverklemmtheit allein ausreichen, um sie zum Leben zu erwecken. Eine solche alternative polyamore Kultur wird es nur geben, wenn sie durch Gebräuche, soziale Fertigkeiten, Institutionen, Sitten, Rituale, Tugenden, Funktionen, "Ämter" und ein soziales Netzwerk gestützt und genährt wird. Entsprechend erforschen wir praktisch, was dafür nötig ist.

Dabei mag uns das zwischenmenschliche Know How und das soziale Wissen von vergangenen und zeitgenössischen Gesellschaften, Völkern und Milieus helfen, die nicht-monogame oder aussereheliche Liebschaften durch vielfältige Einrichtungen gestützt und gepflegt haben. Die Beschäftigung mit ihnen muss natürlich kritisch erfolgen, Verklärungen und Projektionen helfen wenig. Kreativität ist gefragt, weil wir durch unser Leben in Zivilisationen des 21. Jahrhunderts die modernen Herausforderungen, Lebensumstände und Kenntnisse in Rechnung stellen müssen. Zudem sollten alle uns zur Verfügung stehenden modernen Wissensquellen intelligent genutzt werden: Die fortlaufenden Erkenntnisse der Wissenschaft sind eine wertvolle Bereicherung für die Beschäftigung mit solchen Lebensformen. (Allerdings wäre es naiv, die lebensweltlichen, kulturellen, institutionellen und weltanschaulichen Einflüsse und Beschränkungen zu übersehen, denen diese Erkenntnisse unterliegen.)

Derzeit verfolgen wir dieses Projekt unter dem Arbeitstitel: "Polyamore Kultur".

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Eine Wirtschaft, die unser Geflecht des Geben und Nehmens blühen lässt

Wirtschaft hat eigentlich nur einen Sinn: zum Gedeihen des menschlichen Zusammenenlebens beizutragen. Die heutige Marktwirtschaft ist eine Wirtschaftsform, die durch ihre Freiräume und den Wettbewerb viel Kreativität und Eigensinn freisetzt und so Wohlstand schafft. Ihr Grundprinzip ist aber Habgier , logisch dass das unser alltägliches Zusammenleben beeinflusst. Gibt es dazu wirklich keine Alternative?

Die meisten Menschen aus unserem Freundeskreis verdienen ihr Geld in unkonventionellen und alternativen Arbeits- und Einkommenszusammenhängen. Aber wenn es hier auch mehr Selbstbestimmung und weniger Hierarchie als in herkömmlichen Arbeitsmilieus geben mag, so gelten für uns alle die ganz "normalen" Zwänge der postindustriellen Marktwirtschaft und der Staatsbürokratie, die in unser Wirtschaften eingreift und es reguliert. Ökonomische Strukturen prägen unsere Art und Weise zu handeln, sie formen Charaktere und Einstellungen. Sie haben große Auswirkungen auf die Tugenden und Reaktionsweisen, die wir als Menschen brauchen, wenn wir ein glückliches und gutes Leben führen wollen.

Immer mehr Bereiche unseres Leben werden kommerzialisiert; es wird immer selbstverständlicher, alle paar Jahre den Arbeitsplatz zu wechseln und damit den Wohnort und die soziale Umgebung, an dem man gerade erst mehr oder weniger heimisch geworden ist. Bis in die feinsten Verästelungen unseres persönlichen Erlebens dringt die Marken- und Konsumwelt mit ihren Idealen und Zwängen vor. "Assessment-Center" und Managementtrainings lehren uns, wie wir uns hinsichtlich der Ansprüche optimieren können, die Unternehmen von uns verlangen, unabhängig davon wie dumm, unethisch oder unsinnig die Produkte und Geschäfte dieser Unternehmen sind. Nicht nur bei Top-Managern, sondern generell in unserer Gesellschaft ist die Mentalität der Ellbogenkultur tief verinnerlicht. All das sind Beispiele für die Auswirkungen und Ansprüche der modernen Wirtschaft, die eine Kultur der Tugenden aushöhlen und dafür verantwortlich sind, dass Menschen immer mehr wichtige soziale Fähigkeiten wie Achtsamkeit, Umsicht, Sorge und die Anerkennung unserer Abhängigkeit von anderen verlieren.(1)

Die moderne Gesellschaft des 20. Jahrhunderts ist zunehmend blind und ignorant gegenüber dem Geflecht des Geben und Nehmens geworden, das unser individuelles wie zwischenmenschliches Leben trägt und ermöglicht: "Marktbeziehungen können nur insofern aufrechterhalten werden, als sie Teil bestimmter Formen lokaler Beziehungen sind, die mit dem Markt nichts zu tun haben, Teil von Beziehungen des nicht auf Berechnung und Vorhersage beruhenden Gebens und Nehmens, und nur so können sie zum Gedeihen des Ganzen beitragen, statt wie es so oft der Fall ist, die Gemeinschaftsbeziehungen zu untergraben und zu zerstören."(2)


Aus diesem Grund setzen sich die Menschen rund um den "Dritten Ort" nicht nur für ökonomische Strukturen ein, die eine sinnvolle und erfüllende Tätigkeit für jeden von uns ermöglichen. Wir wissen, dass wir für unsere Form von Gemeinschaf neue Wirtschaftsformen brauchen, die unsere Kultur des Zusammenlebens stützen und das Geflecht achtsamen Geben und Nehmens blühen lassen. Dass es in unserem alltäglichen wirtschaftlichen Verhalten als ganz "natürlich" vorgesehen ist, dass jeder selbst auf seinen Gewinn achten muss und der eigene Vorteil wichtiger ist als der Nachteil des anderen, halten wir für pervers.

Sicher, manches wird sich nur durch ein politisches Engagement verändern lassen. Wir sind aber skeptisch, wenn uns eine einzige Problematik als entscheidender Punkt für oder gegen die Etablierung wirtschaftlich gerechter und befriedigender Verhältnisse genannt wird, sei dies nun der "Neoliberalismus", globalisierte Märkte, das Patriarchat, Eigentumsverhältnisse an Produktionsmitteln, Staatskapitalismus, fossile Energiestruktur, moderne Disziplinar- und Selbsttechnologien, Zinsökonomie, Wirtschaftswachstum, Tauschökonomie, Habgier, ökonomischer Individualismus, moderne Technik usw. Es gibt viele Punkte, an denen man ansetzen muss, je nach persönlicher Neigung und dort, wo die politischen Veränderungschancen am größten sind.

Aber da wir mehr wollen als auf ein vermeintliches Paradies nach der kommenden Revolution zu warten, werden wir in unserem Alltag andere Wirtschaftsweisen finden müssen Wir stehen an dieser Stelle noch am Anfang: Es wird eine schwierige aber dennoch notwendige Aufgabe sein, uns an manchen Stellen gegenüber den Kräften der äusseren Märkte und Wirtschaftskreisläufe abzuschotten oder den Druck zumindest abzupuffern. Jenseits des üblichen ökonomischen Kalküls werden wir für unseren Kreis gerechte Lösungen für große Einkommens- und Wohlstandsunterschiede finden müssen, für Arbeitsplatzmobilität, Finanzierung von Bildung und Ausbildung. Große Lust macht es uns neue lokale Wirtschaftsformen zu erkunden wie Regiogeld, Tauschkreise, Schwundgeld, Gemeinschaftskasse oder Schenkökonomie.

Für Hinweise und Mitarbeit an diesen Punkten sind wir sehr dankbar. Das Thema schwingt immer wieder bei unseren anderen Projekten und unserem generellen Nachdenken mit, hat aber bisher keinen eigenen Namen.





(1) Zwei Einschränkungen sind notwendig: Natürlich gibt es in der modernen Gesellschaft neben der Wirtschaft andere starke Kräfte, die dafür verantwortlich sind. Dazu gehört die immer weiter voranschreitenden Anonymisierung und Vereinsamung unserer Lebenwelt, die jahrhundertealte Ideologie des nur sich selbst genügenden Individuums und die Konditionierungen, mit denen der moderne Staat uns und unser Zusammenleben optimieren möchte. Und andererseits besteht kein Anlaß für Vergangenheitsverklärung: Wir haben durch und mit diesen Entwicklungen auch persönliche Freiheit, bessere Lebensbedingungen, eine enorme Bereicherung und Erweiterung unseres kulturellen Lebens und neue Kompetenzen gewonnen.

(2) Alasdair Macintyre: Die Anerkennung der Abhängigkeit. Über menschliche Tugenden"; Hamburg 2001; S. 139

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Projekt "Aphrodisischer Tempel"

Niemand ist, was die Erotik betrifft, ein Naturtalent - mann, frau und mensch lernt Sex. Und durch Sex lernen wir, wie wir mit anderen umgehen. Wir wollen ein Modell für einen Ort entwickeln, der jenseits der Sexindustrie und dem Psycho-Esomarkt rituelle Sinnlichkeit und sinnliche Fertigkeiten vermittelt, ein Ort für erotisches Wissen.

Sexuelle und sinnliche Erfüllung ist ein Aspekt menschlichen Lebens, der uns Menschen nicht einfach so zustößt. Wie jede andere Kunst, die zu einem guten und gelungenen Leben beiträgt, ist sie voraussetzungsreich. Sie bedarf persönlicher Qualitäten wie Selbstbestimmung, die Bejahung von persönlicher Lust und Freude, Wahrnehmungsfähigkeit, Aufmerksamkeit, Öffnung und Mut. Sie bedarf zwischenmenschlicher Tugenden wie Rücksichtnahme, Aufmerksamkeit, Behutsamkeit, Sorgfalt, Offenheit, Achtung vor dem anderen und Würde. Und sie bedarf neben einer guten Kenntnis der biologischen Aspekte menschlicher Sexualität auch Sensibilität und Kundigkeit im sinnlichen Kontakt mit sich und anderen.

Es gibt Milieus und Szenen, die in Ritualen und Lehren solche Qualitäten praktisch lehren. Vieles findet dort unter dem Vorzeichen einer workshophungrigen Therapie-, Selbsterfahrungs- und Esoterikkultur statt, die sich gedankenlos durchkommerzialisiert hat und diese Kommerzialisierung keineswegs in Frage stellt. Und mancher Unsinn wird auch verzapft. Aber die meisten Menschen aus unserem Freundeskreis haben in irgendeiner Form Erfahrungen in diesem Bereich gesammelt und trotz allem, was dort schräg und unreflektiert ist, viel für ihr Leben gewonnen. Wir wissen um den Wert dessen, was wir erfahren konnten.

Uns bewegt deshalb die Frage, wie wir jenseits der Vermarktungsmechanismen eine Institution aufbauen können, die Werkzeuge für das Erlernen und Einüben der hier angesprochenen Qualitäten, Tugenden und Fertigkeiten zur Verfügung stellt. Wir stellen uns einen Ort vor, der mit dem modernen Verständnis des 21. Jahrhunderts die bestehenden Ansätze ritueller Sinnlichkeit erforscht und erweitert und zugleich ähnlich einer Schule sinnliche Fertigkeiten pflegt und vermittelt. Wir hoffen, dass er als Ausstrahlungsort zu wildwuchernder Entfaltung vieler weiterer Rituale und erotischer Künste beiträgt und so mithilft, das Fundament einer anderen sinnlichen Kultur zu legen, die den menschlichen Körper und den Menschen in seiner Gesamtheit ehrt. Wir sind also nicht an der Errichtung einer (pseudo-)wissenschaftlichen Institution ("Erotische Akademie" oder dergleichen) interessiert oder gar an einem Selbsterfahrungszentrum, das Sex als Allheilmittel für alle Gebrechen der Welt beschauen und verordnen will. Auch wenn wir glauben, dass es sich hier um wertvolle Formen des Wissens handelt, sehen wir uns in dem Spannungsfeld zwischen Wissenschaft, Therapie und Kunst eher den Künsten als den "Wahrheiten" zugehörig.

Eine Vielzahl an Fragen tun sich bei diesem Projekt auf:
  • Wie kann eine solche Einrichtung aussehen?
  • Welche Erfahrungen gibt es dazu in anderen Kulturen?
  • Wie kann sie unterhalten werden, wie kann sie sich finanzieren?
  • Welche Rituale würde sie lehren?
  • Welche Werte soll sie vermitteln?
  • Welche Unterweisungen würde sie geben?
  • Welche Verbindungen gibt es zu Kunst und Performance?
  • Wie kann sie zur Verbreitung und kreativen Fortentwicklung von erotischen Künsten und sinnlichen Ritualen beitragen?
  • Wie kann sie einen hohen Standard an Qualität und Vermittlung entfalten?
  • Wie ist sie mit der raumübergreifenden Gemeinschaft verbunden, die uns vorschwebt?
  • Wie verknüpft sie lebendige Teilnahme aus dieser Gemeinschaft mit Weiterentwicklung und Lehre, um Menschen in ihrer Selbstbestimmung, Kritikfähigkeit und Reflexion zu stärken?
  • Welche Handreichungen kann sie bieten, um mit der Häme, dem Misstrauen und der Abwertung umzugehen, denen solche Rituale und Fertigkeiten in einer durch die christliche Moral geprägten Gesellschaft oft ausgesetzt sind?


Wir haben diesem Projekt den vorläufigen Arbeitstitel "Aphrodisischer Tempel" gegeben. Wir verwenden dabei das Wort "aphrodisisch" in Anlehnung an das antike griechische Verb "aphrodisiazein": "die Handlung der Liebesgöttin Aphrodite vollziehen". Die Griechen bezogen sich mit diesem Wort in erster Linie auf den körperlichen Akt der Liebe ("Liebe machen"), und somit auf eine sichtbare Handlung, nicht auf einen "inneren" Seelenzustand. Dagegen ist die heutige Verwendung der Worte "sexuell" oder "erotisch" eng mit dem "Begehren" und der "Lust" verbunden.(1) Wir sind aber nicht - entgegen den Vorlieben der heutigen psychologischen Kultur - an Therapie und (Selbst-)erforschung der inneren Befindlichkeit interessiert, sondern an erlebbarer Praxis und der realen Begegnung zwischen Menschen.

Der Begriff "Tempel" bezieht sich auf das Heilige der Sexualität. Entgegen einem weitverbreiteten modernen Mißverständnis steht bei einem Tempel nicht das "Okkulte" im Zentrum (- in vielen Kulturen wird dort nichts "Übernatürliches" verehrt -), sondern die konkrete Ausübung bestimmten Riten, z.B. solche der Verehrung. Das Heilige, das in Tempeln gepflegt wird, markiert eine besondere Qualität. Die Riten, die sich auf das Heilige beziehen, sind mehr als magischer Hokuspokus, sie sind Ausdruck eines Umgangswissen mit der Welt, in ihnen ist ein wertvoller kultureller und sozialer Schatz gespeichert: Eine Haltung, eine Handlungsweise, eine Lebenseinstellung, die eine Kultur anhand ihrer ureigenen sozialen Erfahrung entwickelt hat. Durch die konkrete Ausführung eines Rituals wird diese Haltung vergegenwärtigt, eingeübt und trainiert. Die Konzentration, Sorgfalt, Aufmerksamkeit, die diese Ausführung begleitet, ist dabei selbst von eigener Eleganz und Schönheit: "Wenn man in der [griechisch römischen] Vasenmalerei eine schöne Frau bei einer schönen Tätigkeit darstellen wollte, zeigte man sie entweder bei der Toilette oder aber beim Spenden eines Trankopfers." (2)

Weil das Thema so heikel ist, sei es nocheinmal betont: Es geht uns nicht darum, ein esoterisch aufgeladenes Zentrum für sexuelle Dienstleistungen, einen "Konsumtempel der Lust" oder ein "Paradies für schnellen und unkomplizierten Sex" zu schaffen, selbst wenn das in der heutigen durchpornographisierten Gesellschaft die ersten Assoziationen sind, wenn das Wort "Tempel" im Zusammenhang mit "Sexualität" genannt wird. Unserem Anliegen liegt aber ebenso wenig das christliche Verständnis von Lust und Liebe zu Grunde, das bis heute nicht seinen Frieden mit diesen Themen gemacht hat und für das die Vorstellung einer heiligen Sexualität nur schwer akzeptabel ist. Wenn wir in einem solchen "Aphrodisischen Tempel" das Heilige der Sexualität sichtbar machen, vergegenwärtigen wir uns, dass Sex mehr ist als Fortpflanzung, aber auch mehr als Fun, Bedürfnisbefriedigung oder Spannungsabbau. Wir glauben, dass dieser Tempel als Ort für rituelle Sinnlichkeit und sinnliche Fertigkeiten dazu beitragen kann, unsere Sexualität zu bereichern und in der Begegnung zwischen Frau und Frau, Mann und Mann, Frau und Mann Achtsamkeit, Respekt und Gleichberechtigung zu vertiefen.

Ein Tempel ist etwas anderes als eine Kirche, er hat keinen Anspruch auf Exklusivität und keinen auf Mission. Wir haben nichts dagegen, wenn unser "Aphrodisische Tempel" eine freifließende unkontrollierte Verbreitung von Ethos, Wissen und Know How im Bereich Sinnlichkeit und Sexualität anstößt, die zu ganz unterschiedlichen Weiterentwicklungen führt. Wahrscheinlich wird dieser "Tempel" erst einmal eine recht mobile Angelegenheit sein, der seine "Zelte" je nach Bedarf an ganz unterschiedlichen Orten aufschlagen wird.


(1) Und mit einer ganzen Kultur des Geständnisses und der Aufdeckung: "Teile uns deine geheimen Gedanken mit, sag uns dein Begehren und wir sagen dir, wer du in Wahrheit bist." Wir teilen die moderne Lust an psychologischer Auf-klärung und Aus-leuchtung nicht und wir sehen keinen Sinn darin, Sexualität als dunkle ominöse Macht im Innern eines Menschen zu begreifen, die ihn gefährdet, ihn steuert und ihn formt. Deshalb suchen wir nach neuen Wörtern.
(2) Paul Veyne: „Die griechisch-römische Religion. Kult, Frömmigkeit und Moral.“; Stuttgart 2008; S. 101

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Raumverbindende Gemeinschaft

Unser Bild ist nicht das einer engen, selbstgenügsamen Öko-Kommune. Wir schätzen modernes Leben und vieles, was nur quirlige Städte und moderne Zivilisationen hervorbringen können. Wir bauen uns deshalb ein Zusammenleb- und Kulturprojekt auf, das sowohl in der Stadt wie auch auf dem Land zu Hause ist: Als Lebensmodell im Sinne einer grundlegenden Stadt-Land-Solidarität und als Projekt für Menschen, die die Industriegesellschaft anerkennen und sie zugleich verändern wollen.

Aktuell hat ein Teil von uns seine „Zelte“ in einer kleinen Minisiedlung am Rande von Köln aufgeschlagen, die von einer 70jährigen Veteranin der Friedensbewegung initiiert und von ihr in einem ganz traditionellen Sinn solidarischer Nachbarschaft verwaltet wird. Andere sind in die Nachbarschaft dieser Nachbarschaft gezogen. Wenn mensch so will, sind wir also ersteinmal Mitglied dieser Gemeinschaft geworden. Wir sind damit dem, was wir erreichen wollen, schon ein gutes Stück näher kommen: Separate Häuschen und Wohneinheiten mit eindeutigen Privatarealen und dennoch die Möglichkeit Infrastruktur zu teilen; vielfältige Berührungspunkte durch Arbeit, Freundschaft, Liebe und dennoch den Vorteil, daß die vorgegebene Bauanlage Abgrenzung ermöglicht.

Wir alle haben aber viel zu lange in ländlichen, teilweise sehr abgeschiedenen Regionen gelebt, um nicht zu wissen, daß uns ein ausschließliches Leben in der Großstadt auf die Dauer nicht befriedigt. Wir bauen uns deshalb ein Leben auf, das sowohl in der Stadt wie auch auf dem Land stattfindet. Dabei geht es uns nicht so sehr um ein Naherholungsheim für eine städtische Kommune, sondern um ein Lebensmodell im Sinne einer grundlegenden Stadt-Land-Solidarität: Eine raumverbindende und raumübergreifende Form von Gemeinschaft.

Stadt-Land-Solidarität meinen wir zum einen ganz ganz konkret, zum anderen aber auch metaphorisch: Das Wort „Stadt“ steht ebenso für das, was nur möglich ist, wenn viele Menschen zusammenkommen und zusammenarbeiten: Industrie, Technik, Wissenschaft, Museum, Theater, Bars, Internet, Lippenstift und elektrische Zahnbürste. Wenn wir nicht auf dem Level einer Agrar-Gesellschaft leben wollen, dann wird es auch in Zukunft Stahlwerke und Versicherungsgesellschaften, ICEs und Gesundheitsämter geben. Wir schätzen das, was bisher nur Städte und Zivilisationen hervorbringen können. Uns ist klar, dass wir in der Industriegesellschaft einen anderen gemeinschaftlichen und nachhaltigeren Lebensstil entwickeln müssen und wir wissen, dass gerade die konsequentesten und mutigsten Ansätze von den vielen Gemeinschaftsprojekten erarbeitet wurden, die in den letzten Jahrzehnten entstanden sind.

Auch wenn wir uns dem Netzwerk der neuen Gemeinschaften zugehörig fühlen, die überall entstehen, streben wir aber eine Form des Miteinanderlebens an, das mehr Raum lässt als das vieler herkömmlicher Gemeinschaften. Nicht die enge, familiäre Kommune oder das selbstgenügsame mittelalterliche Dorf ist das Bild was uns treibt, sondern die antike Polis. Wir möchten dazu beitragen, alternative Lebensform für Menschen zu entwickeln, die sich als Träger und Mitglieder der Industriegesellschaft verstehen, diese mitgestalten und weiterentwickeln wollen und keinen Ausstieg planen.

Viele Gemeinschaften orientieren sich an dem Prinzip der "Wahlverwandtschaft". Wir orientieren uns eher an dem Schlüsselwort "Freundschaft": Wohlwollen, Nachbarschaftliche Solidarität, Sorge umeinander, Freiheit.


Demnächst mehr...

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Neue Wissenskerne für eine andere Welt

Wenn heute über Wissen geredet wird, dann gerne in Form von Ausbildung. Das betrifft Wissen, was in Schulen (oder den schon längst zu Schulen mutierten Universitäten) beigebracht werden kann. Uns interessiert aber, wie Menschen darin eingeübt werden, neues Wissen hervorzubringen. Denn das ist es, was wir brauchen, wenn wir unsere ökologische Unterentwicklung hier in den Industrieländern überwinden wollen. Wir planen ein Pilotprojekt für ein Wissenszentrum neuen Typs, das in lokalen Gemeinschaften weitgespannt Bildung pflegt und kultiviert, und so den Wissensgrundstein für einen umfassenden Wandel unserer Lebensgrundlagen legt.

Für den enormen Verbrauch an Ressourcen, den unser Lebensstil in den Industrieländern bereits jetzt verursacht, ist unser Planet nicht gemacht. Wenn jetzt die Länder auf dem Süden unserer Erdkugel (zurecht!) darauf bestehen, für ihre Bevölkerung alle Annehmlichkeiten zu entwickeln, die wir hier im reichen Norden genießen, dann ist das mit unserer bisherigen Lebensweise nicht möglich. Zudem stellt uns der Kampf für die Eindämmung und Begrenzung des Klimawandels vor eine enorme Herausforderung: Unsere technologische Infrastruktur ist mit dem Ausstoß an klimaschädlichen Treibhausgasen aufs Engste verbunden. Unsere Energieversorgung beruht z.B. vollständig auf Verbrennung, ob beim Wärmen unserer Häuser und Fabriken, dem Befeuern unserer Fahrzeuge oder dem Erzeugen von Strom. Seit der industriellen Revolution nutzen wir die immer gleiche Grundtechnologie, deren Folgen uns mittlerweile in schwere Bedrängnis bringen. Die globale Erwärmung können wir bereits nicht mehr verhindern, sie findet statt. Doch wenn wenn wir allein schon die globale Erwärmung des Klimas auf maximal 2° Grad Celsius begrenzen wollen, um die allerärgsten Katastrophen zu verhindern, werden wir in den Industrieländern des Nordens mehr als 80% unseres Ausstoßes an Treibhausgasen reduzieren müssen.

Allein Verzicht und Selbstbeschränkung zu predigen, ist keine Lösung. Was wir brauchen, sind neue intelligente Lebensgrundlagen, die mindestens so viel Erleichterungen, Annehmlichkeiten, Spass und Freude machen wie das, was wir bisher durch die moderne Zivilisation gewinnen konnten. Menschen werden nicht auf die technologischen Errungenschaften der Industriegesellschaft verzichten. Nötig ist also eine neue industrielle Revolution, die ähnlich wie die erste industrielle Revolution vor zwei Jahrhunderten unser Leben radikal umkrempelt. Allerdings geht es nun nicht wie damals darum, unsere Arbeitsproduktivität zu vervielfachen, sondern unsere Sparsamkeit und Intelligenz: Neuartige ressourcensparende Lösungen für alle unsere Lebensbereiche, sei es nun für Haushalt, Fortbewegung, Verständigung, Wärme, Wasser, Licht usw. Das ist die moderne Rückständigkeit.

Und was hat das mit Bildung zu tun? Um den Zusammenhang zwischen Bildung und Revolution unserer Lebensgrundlagen besser zu verstehen, ist ein Ausflug in die Geschichte notwendig: Vor zwei Jahrhunderten musste Deutschland - genauer gesagt: Preußen - die Wahl treffen, mit welchen Mitteln die damalige Rückständigkeit des Landes überwunden werden konnte: Technologisch, industriell und auch militärisch war das einst mächtige Land von dem französischen Revolutionsstaat Frankreich und dem britischen Empire abgehängt. Die Wissenschaft und die Hochschulen lagen danieder. Die Frage war, ob man den französischen Bildungsweg gehen sollte, der durch die in der Revolutionszeit gegründeten École Polytechnique ein Heer an hochausgebildeten Technikern und Ingenieuren schuf. Das französische Modell war eine sehr effiziente Ausbildung, bei der Übernahme von Wissen, das durch geschulte Lehrer aufbereitet und perfektioniert wurde. Getrennt davon war die Forschung, die wissenschaftlichen Spitzeninstitutionen überlassen werden sollte.

Der französische Ansatz schien augenscheinlich die wissenschaftliche Produktivität des Landes enorm zu beschleunigen. Damals setzte sich jedoch in Preußen ein Bildungsreformer und Gelehrter durch, der einen ganz anderen Weg beim Aufbau von Bildungsinstitutionen verfocht - Wilhelm von Humboldt. Zuallererst unterschied er zwischen dem Prinzip der Schule und dem Prinzip der Universität:

„Es ist ferner eine Eigenthümlichkeit der [von Humboldt entworfenen] höheren wissenschaftlichen Anstalten, dass sie die Wissenschaft immer als etwas noch nicht ganz aufgelöstes Problem behandeln und daher immer im Forschen bleiben, da die Schule es nur mit fertigen und abgemachten Kenntnissen zu thun hat und lernt. ... Dies vorausgeschickt, sieht man leicht, dass bei der inneren Organisation der höheren wissenschaftlichen Anstalten Alles darauf beruht, das Princip zu erhalten, die Wissenschaft als etwas noch nicht ganz Gefundenes und nie ganz Aufzufindendes zu betrachten, und unablässig sie als solche zu suchen.“

Schule übermittelt fertige Kenntnisse, Wissenschaft ist dagegen ein Prozess, der niemals abgeschlossen ist. Humboldt ging es darum, das Hervorbringen von Wissen zu fördern, nicht die Übermittlung von Wissen zu perfektionieren. Das Land sollte beflügelt werden durch Wissenschaftler, die geschult sein sollten in Kreativität, Nachdenklichkeit und Eigenständigkeit. Dafür sei das schulische Modell aus Frankreich, bei dem Wissen von oben nach unten effizient weitergegeben wurde, nicht geeignet. Stattdessen sollten die Studenten durch Teilnahme und Mitarbeit an den Forschungsprozessen der Professoren an das Forschen und Nachdenken selbst herangeführt werden. Das ist die Bedeutung des Mottos "Einheit von Forschung und Lehre". Wilhelm von Humboldt glaubte, dass Selbstständigkeit, Unabhängigkeit, Fähigkeit zu Kritik und theoretischem Nachdenken, fächerübergreifende Bildung und ein geistiger Horizont, bei dem mensch sich als Bürger der ganzen Welt versteht, besser geeignet seien, wissenschaftlich erfolgreich zu sein. Mit der Zeit wurde sein Ansatz immer mehr verwässert, aber der Erfolg gab ihm Recht: Spätestens ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde deutlich, dass die „nachholende Nation“ in Deutschland eine enorme wissenschaftliche Expertise, Erfindungskraft und Forschungsenergie entfaltet hatte, die seine technologische und wissenschaftliche Spitzenstellung bis in das erste Drittel dieses Jahrhunderts sicherte.

Humboldt ging davon aus, dass als Träger der modernen Gesellschaft eine Schicht vor allen anderen ausgezeichnet sei, nämlich das Bürgertum, und dass die zentrale Institution für anspruchsvolle Bildung wissenschaftliche Hochschulen sein können. Obwohl er sich beim Aufbau des neuen Bildungssystem beeilte und mit Energie an die Umgestaltung der alten Strukturen ging, brauchte sein Ansatz eine geraume Zeit bis all jene Institutionen und Strukturen aufgebaut waren, die notwendig waren, um die Wissenschaft mit dem notwendigen Schub zu versehen. Sein Projekt war wie eine Dampflokomotive, die langsam anfährt, immer schneller wird und schließlich eine ungeheure Kraft entfaltet.

Heute gehen wir im Gegensatz zu Humboldt davon aus, dass alle Schichten der Gesellschaft, nicht nur das Bürgertum, Träger der modernen Zivilisation sein sollten. Wir sind nicht mehr darauf angewiesen, dass nur unsere Hochschulen intelligente Lösungen für Wissenschaft und Technik entwickeln. Zudem können wir heute wesentlich schneller als früher experimentieren und neue Strukturen und Institutionen aufbauen. Und schließlich ermöglicht uns das Internet, wesentlich schneller von den Erfahrungen anderer zu lernen und Wissen und Know How auszutauschen. Wenn wir die weise Lösung von Humboldt für die Gegenwart nutzen wollen, um unsere moderne Rückständigkeit zu überwinden, dann muss der Humboldt'sche Ansatz in seiner gesellschaftlichen Basis erweitert werden und die Universitäten verlassen:

Es geht um neuartige, selbstorganisierte Wissenszentren, in denen anspruchsvolles Wissen für Erwachsene kultiviert und hervorgebracht wird, und die nicht als (mehr oder weniger) universitäre oder akademische Einrichtungen verstanden werden sollten, sondern ihren Platz im alltäglichen Lebensumfeld der Menschen haben. Es werden Bildungskerne sein, angesiedelt in unterschiedlichsten städtischen und ländlichen Räumen, in denen von ganz normalen Menschen Wissen erarbeitet wird, wie herkömmliche Lebensweisen in einen nachhaltigen Lebensstil überführt werden können, der zugleich Wohlstand möglich macht. Wenn mensch so will, sind es Volkshochschulen eines neuen Typs, die zugleich den Grundstein für die Entwicklung intelligenter Lösungen für ein ökologisches, sanftes, ressourcensparendes und dennoch modernes Leben legen.

Ziel ist wieder die flächendeckende Heranbildung kreativer selbstbestimmter Forscher, die den Aufbau eines Netzwerkes an Institutionen und Wissensfeldern ermöglicht. Lokale Bedürfnisse und Handlungsfelder werden mit einem globalen Horizont von Ressourcenschonung und Klimaproblematik verbunden, um örtliche Lösungen im Bereich alltäglicher Lebensfelder (Transport, Wohnen, Kochen, Müll etc.) zu entwickeln. Die Hervorbringung von Wissen in diesen außerakademischen Wissenszentren nür nachhaltigen Lebensweisen, hilfreichen Technologien, Lösungen, Institutionen und Fertigkeiten erfolgt nach dem Prinzip der Teilnahme. Das heißt: Sie begreift Forschung und Lehre als eine Einheit. Und sie erfolgt umfassend: theoretische Reflexion und Interdisziplinarität sind ebenso wichtig wie die Breite der vermittelten Bildung, die sich nicht nur auf technische Disziplinen beschränken darf.

Das Internet ermöglicht dabei die schnelle Vernetzung solcher lokaler Wissenszentren, z.B. über Online-Plattformen. Lösungen und Ideen, die in einer Vorstadt Kölns entwickelt wurden, können für eine lokale Gruppe im Umfeld Rio de Janeiros interessant sein, und Ähnliches mag für ein Projekt in einer eher ländlichen Region Kenias gelten, dessen Erkenntnisse in Bangladesh als hilfreich angesehen werden.

Das hier vorgestellte Konzept neuartiger Bildungskerne stammt von dem deutsch-indischen Entwicklungsforscher und Kulturtheoretiker Narahari Rao. Es wurde ursprünglich für die nachhaltige Entfaltung traditioneller, lokaler Gemeinschaften in ländlichen Regionen von Entwicklungsländern erarbeitet. Wir glauben aber, dass es sinnvoll ist, ein Pilotprojekt auch für den reichen Norden aufzubauen, im Verbund mit einer lokalen Gemeinschaft für Menschen, die Modelle für ein nachhaltiges Leben in der Industriegesellschaft entwickeln. Denn in dieser Hinsicht sind wir immer noch eins: unterentwickelt.

Der Aufbau eines solches Bildungsprojekt in einer ganz normalen alltägliche Umgebung, diese Volkshochschule neuen Typs, die den Boden für eine wirklich innovative Umgestaltung unseres Lebensstils bereitet, läuft bei uns unter dem Arbeitstitel: "Bildungskerne für eine andere Welt".

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