Wissen

Küchengespräch mit Frank Taherkhani

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mit am Tisch: Julio und Steffi

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am 23. Mai von 20:00 bis 22:30 Uhr

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Mann zerzaust die Haare einer Frau durcheinanderIn unseren Küchengesprächen interviewen wir inspirierende Menschen, deren ungewöhnlicher Lebensweg, Ansichten oder Engagement wir als bereichernd für die Gesellschaft, die Kultur und ein gutes und gelingendes Leben betrachten.

Frank Taherkhani studierte Volkswirtschaftslehre, Germanistik und Philosophie, die beiden letzteren sogar erfolgreich. Nein, er fährt heute nicht Taxi, sondern verdient sein Geld mit den Fäusten: Mit seinen über 35 Jahren Erfahrung in verschiedenen Kampfstilen leitet er mehrere Kampfkunst-Schulen. Gemeinsam mit seiner Partnerin, mit der er praktisch orientierte Körpererfahrungs-Workshops in bisher zwölf Länder durchführte, gilt er in Europa als einflussreicher Pionier im Bereich des Playfighting (www.raufen.com). Doch das Philosophieren hat Frank nicht aufgegeben. Neben gelegentlichen Essays verfasst er seit 1998 philosophische Kurztexte (sog. Aphorismen), die in Zeitschriften und Anthologien erschienen. Auch als Seminarleiter spielt die Philosophie eine zentrale Rolle für ihn. Eine wichtige theoretische Basis seines Playfighting ist die philosophische Auseinandersetzung mit in unserer Gesellschaft etablierten, oft aber problematischen Konzepten rund um das Thema Körperlichkeit.

Das Thema unseres Küchengesprächs: Kann man mit der Philosophie mehr aus Kampfkunst herausholen als lediglich alberne Kung-Fu-Film-Plattitüden oder vermeintliche Weisheiten aus esoterischer Wohlfühl-Literatur? Wie kann eine überzeugende und zeitgemäße Verbindung von Kampfkunst und Philosophie aussehen?

Unter Philosophie versteht Frank dabei nicht bestimmte traditionelle, bisweilen auch spirituelle oder kosmische Weltanschauungen, wie sie gewöhnlich im Kontext der Kampfkünste genannt werden. Für ihn ist Philosophie vielmehr eine solide und kritische Begriffsforschung und Theoriewissenschaft, welche sich unter anderem auch mit Weltanschauungen befassen kann. Eine so verstandene Philosophie ist keine Lehre, die Wahrheit beansprucht, sondern ein methodisch-kritisches Nachdenken, das den Menschen zu Kompetenz im Umgang mit bestimmten Themen verhilft. Frank ist davon überzeugt, dass dieser Gegensatz von Weltanschauungen auf der einen Seite und Philosophie auf der anderen Seite, der sich anhand der Beschäftigung mit Kampfkunst sehr schön veranschaulichen lässt, fundamental ist. Für ihn ist er erkenntnistheoretisch, ethisch und gesellschaftlich von größter Wichtigkeit.

Franks These: Das Kritische der Philosophie kann eine Kampfkunst, die ja stets ein konzeptionelles Gebilde ist, signifikant verbessern helfen, sprich: wirkungsvoller machen. Gleichzeitig lässt sich in Kampfkünsten der Wert kritisch-prüfenden Denkens an einem handfesten Gegenstand vermitteln: Konzeptionelle Stärken oder Probleme einer Kampfkunst werden in der körperlichen Auseinandersetzung leicht zu ganz praktischen Stärken – oder Problemen. Als Beispiele können etwa das ca. 300 Jahre alte, aus China stammende WingTsun sowie Miyamoto Musashis (1584-1645) Schwertkunst dienen, welche er im Buch der fünf Ringe darstellt – einem der großen Klassiker japanischer Kampfkunst-Literatur. Beide zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht in sich geschlossen, sondern primär nach außen, also auf die Welt, gerichtet sind: Sie wurden dafür entwickelt, konzeptionelle Schwächen fremder Kampfstile auszunutzen.

In der griechischen-römischen Antike waren theoretisches Denken und philosophische Diskurse mit einer konkreten spezifischen Lebenspraxis der Menschen verbunden. Eine Verbindung, die in der professionellen Philosophie der Gegenwart nicht mehr besteht. Eine Verknüpfung von Philosophie und Kampfkunst, wie Frank sie betont, kann diese antike Tradition wieder aufgreifen. Doch damit ist keine Zukunftsvision der Philosophie gemeint, die es erst anzustreben gilt. Frank reflektiert eine bereits heute existierende und gelingende Praxis – z.B. sein eigener Umgang mit Kampfkunst.

Themen, auf die wir also in dem Küchengespräch einen etwas anderen Blick werfen, sind u. a.: Erkenntnis, Wissen, Sprache, Didaktik, Entwicklung, Gewalt, Sicherheit, Tradition, Moral, Körperlichkeit, Lebensethik – sowie Kampfkunst und Philosophie. Es wird genügend Raum für Eure Fragen geben. Wie immer gibt es etwas leckeres zu essen.

 

Mit am Tisch: Julio und Steffi.

Einlass: 19:30, Beginn: 20:00

Mitmachbeitrag: 16 EUR

Vortrag: Einblicke in die Philosophie von Body Play

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mit Frank und Sheila

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am 16. März 2019
(20 Uhr)

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Mann, Frau, Kampf

Sheila & Frank

Für Sheila und Frank ist die kritisch-reflexive Beschäftigung mit den grundlegenden Konzepten rund um Körperlichkeit und Erotik wichtig. In unserem Alltag folgen wir oft unreflektiert Sprachgewohnheiten, die durch unsere Kultur und Geschichte vermittelt sind, z.B. bei Begriffen wie Berührung, Körper, aktiv/passiv, Widerstand, Gewalt. Doch die unreflektierte Sprachverwendung und damit auch die Kategorisierung von dem, was geschieht, steht oft dem realem Erleben im Weg – und bisweilen auch dem eigenen sinn­lichen Genuss. Geschult an Verfahren der Ordinary Language Philosophy hinterfragen Frank und Sheila solche Sprachgewohnheiten. Ausgehend vom konkreten Erleben geht es ihnen um Begriffsschärfung: Was genau ist z.B. “Widerstand“ ? Gibt es differenziertere Kategorien als „aktiv/passiv“ oder „Berührung“ ? Die beiden sind davon überzeugt, dass dies uns hilft, nicht nur problematische kulturelle Stereotypen zu überwinden, sondern auch das Er­leben von Macht, Gewalt oder (körperlicher) Interaktion im Alltag besser zu verstehen.

 

Vortragende:

Frank und Sheila sind international tätige Dozent_innen mit breitem Fachwissen und einem langjährigen, professionellen Hintergrund. Die beiden Gründer_innen der Bodyplay Academy gelten mit dem von ihnen entwickelten, unverwechselbaren Zugang zu Rough Body Play vor allem in Europa zu den Pionieren in diesem Bereich. Mit ihren über viele Jahre entwickelten Konzepten verbinden sie auf besondere Weise die Bereiche Kampfkunst, Körperarbeit und Sexualität. In den praxisorientierten Workshops bringen Sheila und Frank auf humorvolle Weise diese Kompetenzen ein und plaudern auch aus dem privaten Nähkästchen. Weitere Informationen unter www.bodyplay.net

 

 

Ein Vortrag über romantische Verengungen, die Nötigung zur Intimität und selbstbestimmtes Lieben.

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Ein Ausflug in verschiedene Richtungen. (Zum Mitdenken und -reden)

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am 24. Februar (Samstag) von 19:30 bis 21:30 Uhr

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Liebespaar: Romeo und JuliaEva Hanson und Johannes Heck leben seit vielen Jahren in sexuellen Subkulturen und beschäftigen sich mit unkonventionellen Liebensweisen. Sie fragen sich mit Schopenhauer: „Wozu der Lärm? Wozu das Drängen, Toben, die Angst und die Not? Es handelt sich ja bloß darum, dass jeder Hans seine Grete findet.“ Und: Ist das wirklich alles? Die beiden stellen ihre Thesen und Fragen über zeitgenössische Liebeskultur vor und laden zum Gespräch ein: Über Sinn oder Unsinn der romantischen Liebesnorm, andere Wege – und Freiheit.

Viele von uns glauben, dass sie frei und selbstbestimmt lieben würden. Normen werden häufig mit Naturgegebenheiten verwechselt und bleiben deshalb unhinterfragt – oder werden sogar ganz und gar übersehen. Das Gestalten von liebevollen Verhältnissen, das Beschreiben und Ausdrücken von Gefühlen sind immer auch, vielleicht sogar in erster Linie kulturelle Hervorbringen. Heutzutage wird unsere kollektive Vorstellungskraft von der kulturgeschichtlich relativ jungen Vorstellung der „Romantischen Liebe“ geprägt; das Gefühl der Liebe damit in eine ganz bestimmte erzählerische Form gegossen. Konventionen des Sich-näher-Kommens bestimmen unser Verhalten und Erleben.

Der Vortrag wirft einen Blick auf diese Liebesvorstellung und die damit zusammen hängenden Erzählungen und Konventionen, auf ihren geschichtlichen Hintergrund und gesellschaftliche Zusammenhänge.

19:30 bis 21:30 Uhr

www.der-dritte-ort.org

Anmeldungen zum Vortrag machen es leichter, die Anzahl der Besucher_innen abzuschätzen. Deshalb Anmeldungen bitte per E-Mail an folgende Adresse:
wir-dich-auch@der-dritte-ort.org

Plakat Neue Schar

Zusamenbruch des Alten!

Ein Küchengespräch mit Heide – Tochter von Friedrich Muck Lamberty

am 24. November 2016, 20:00 Uhr

Vor hundert Jahren verbreitete sich die sogenannte Bündische Jugendbewegung. Einer der kurzeitig bekanntesten Führer dieser Bewegung war der junge Drechsler Friedrich „Muck“ Lamberty. Die von ihm gegründete „Neue Schar“ zog tanzend durchs Land und verkündete eine „Revolution der Seele“.Die starren lebensfeindlichen Strukturen der alten Gesellschaft sollten durch „gesundes“ und „natürliches“ Jugendleben durchflutet werden. Die Mitglieder der Gruppe teilten ihren gesamten Besitz, ernährten sich vegetarisch, schliefen unter freiem Himmel und mieden Alkohol. Die traditionelle Volkskultur sollte modernisiert werden. Die Gruppe erzeugte durcn ihr Singen, Tanzen und Leben eine magnetische Wirkung auf zahllose Jugendliche und junge Erwachsene..Schließlich folgten ihr Tausende bei ihrem Zug durch Franken und Thüringen. Künstler und Intellektuelle wie Hermann Hesse, Heinrich Vogeler, der Maler Fidus, der Fotokünstler Umbo setzten sich mit der Bewegung auseinander. Als um Muck Lamberty ein Skandal ausbrach, da er mehrere Geliebte in der Gruppe hatte und zwei Frauen zugleich schwängerte, setzte heftige Kritik in der Presse ein. Die „Neue Schar“ zerfiel.

Doch auch danach beschäftigte sich Muck Lamberty mit Gemeinschaftsleben, alternativen Wirtschaftsformen, Pazifismus, Gesundheit und Ökologie. Er gründete ein Kollektiv an Holzhandwerkern – die „Werkschar“ – mit einem eigentümlichem Design. In einem Bekanntenkreis von Prominenten wie etwa Käthe Kruse, Stefan George, Johannes R. Becher, Karl Hofer, Leni Riefenstahl, Mary Wigman, Silvio Gesell und Martin Niemöller unterhielt er einen regen Austausch über die Anliegen der Jugendbewegung. Muck hatte teilweise völkische und rassistische Überzeugungen, war aber kein Nationalsozialist. Im Dritten Reich geriet er aufgrund „politischer Unzuverlässigkeit“ in das Visier der Nazis und in Haft.

Heide ist die Tochter von Muck Lamberty. Sie selbst gehörte in den frühen 80er Jahren zur Friedens- und Anti-Atomkraftbewegung. Ein wegweisendes Urteil des Bundesgerichtshofes zum Demonstrationsrecht geht auf ihre Klage zurück. Das Team der Werkstatt hat an vielen Abenden mit Heide am Küchentisch anregende Geschichten aus ihrem reichhaltigen Leben hören dürfen. Diese Atmosphäre möchten wir mit Euch teilen und werden an diesem Abend über ihren Vater als einen der Grossväter heutiger alternativer Lebensstile sprechen.

Mit am Tisch: Julio und Steffi.

Einlass: 19.30, Beginn: 20.00

Anmeldungen zu dem Vortrag machen uns die Abschätzung der Anzahl der Besucher_innen einfacher. Wir freuen uns also über Anmeldungen vorab.

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Krankes Kind

Sterben in Deutschland

Vortrag und Diskussion mit Dr. Matthias Gockel

am 9. Juni 2016, 20:00 Uhr

O Herr, gieb jedem seinen eignen Tod.
Das Sterben, das aus jenem Leben geht,
darin er Liebe hatte, Sinn und Not.

Denn wir sind nur die Schale und das Blatt.
Der große Tod, den jeder in sich hat,
das ist die Frucht, um die sich alles dreht. (..)

Denn dieses macht das Sterben fremd und schwer,
daß es nicht unser Tot ist; einer der
uns endlich nimmt, nur weil wir keinen reifen.
Drum geht ein Sturm, uns alle abzustreifen.

(Rainer Maria Rilke*)

Werden wir immer kränker? Wer stirbt woran in welchem Alter? Welche Prioritäten setzt der heutige Gesundheitsapparat beim Sterben? Und was machen wir, wenn das nicht unsere Prioritäten sind? Wie und worüber reden Ärzte und Pflegepersonal hinsichtlich das Sterbens und warum reden sie so? Welche Themen werden vermieden? Was sind typische Sterbeverläufe, in körperlicher Hinsicht, aber auch in emotionale Hinsicht? Gibt es Unterschiede zwischen Jungen und Alten? Auf was sollten wir uns vorbereiten? Wann sollte man sich über das eigenen Sterben Gedanken machen und wie? Welche Einfluss hat das eigene Leben auf das Sterben? Was können wir von Sterbenden lernen?

Dr. Matthias Gockel wird in seinem Vortrag und anschließender Diskussion auf solche und ähnliche Fragen eingehen und Einblicke in und Erfahrungen aus seiner Arbeit vorstellen. Gockel arbeitet seit 15 Jahren in der Palliativmedizin und ist seit 2009 leitender Arzt einer Palliativstation in Berlin. Unter anderem berichtete die ZEIT, die tageszeitung, ZDF, Deutschlandradio und Chrismon über seine Arbeit.

Die Veranstaltung ist Teil einer Vortragsreihe in der „Werkstatt Dritter Ort“, die sich den Themen Liebe, Wahnsinn und Tod widmet. Die „Werkstatt Dritter Ort“ ist ein nicht-kommerzieller Treffpunkt des Dritten Ortes auf der rechten Rheinseite in Köln. „Der Dritte Ort“ ist eine Handlungsgesellschaft, die an der Schnittstelle zwischen Kunst, Gemeinschaft, Sex, Wissen, Ritual und Politik verschiedene Aktivitäten durchführt. Sie besteht seit 2005.

Anmeldungen zu dem Vortrag machen uns die Abschätzung der Anzahl der Besucher_innen einfacher. Wir freuen uns also über Anmeldungen vorab.

Die genaue Anfahrtsbeschreibung gibt es nach der Anmeldung.
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* Rainer Maria Rilke: Das Buch von der Armut und vom Tode. Aus: Das Stundenbuch (1903)

Gesicht raufende Haare

Faszination Wahnsinn

Vortrag und Diskussion mit der Psychiaterin Monika Halbe

am 12. Mai 2016, 20:00 Uhr

Was ist eine psychische Erkrankung? Welche Erkrankungen gibt es? Was gilt nicht als Erkrankung? Wer definiert das überhaupt?? Die Psychiaterin Monika Halbe berichtet aus der wissenschaftliche Debatte aus ihrem Alltag in einer psychiatrischen Landesklinik, in der sie u.a. Menschen mit paranoider Schizophrenie, Depression und Suchterkrankung behandelt. Nicht erst seit den wachsenden Flüchtlingszahlen aus dem letzten Jahr erfordert diese Arbeit häufig eine interkulturelle Perspektive. Die Grenze zwischen dem, was landläufig „normal“ und was „krank“ ist, verschwimmt bisweilen dabei. Der Vortrag versucht anhand von Bespeilen Fragen für unser Leben abzuleiten, die jeden von uns etwas angehen: Wie kommt unser Ich-Gefühl zustande? Wo finde ich so, wie ich bin, meinen Platz in der Welt? Wie gestalte ich glückliche Beziehungen zu meinen Mitmenschen?

Die Veranstaltung ist Teil einer Vortragsreihe in der „Werkstatt Dritter Ort“, die sich den Themen Liebe, Wahnsinn und Tod widmet. Die „Werkstatt Dritter Ort“ ist ein nicht-kommerzieller Treffpunkt des Dritten Ortes auf der rechten Rheinseite in Köln. „Der Dritte Ort“ ist eine Handlungsgesellschaft, die an der Schnittstelle zwischen Kunst, Gemeinschaft, Sex, Wissen, Ritual und Politik verschiedene Aktivitäten durchführt. Sie besteht seit 2005.
Die Veranstaltung ist Teil einer Vortragsreihe in der „Werkstatt Dritter Ort“, die sich den Themen Liebe, Wahnsinn und Tod widmet. Die „Werkstatt Dritter Ort“ ist ein nicht-kommerzieller Treffpunkt des Dritten Ortes auf der rechten Rheinseite in Köln. „Der Dritte Ort“ ist eine Handlungsgesellschaft, die an der Schnittstelle zwischen Kunst, Gemeinschaft, Sex, Wissen, Ritual und Politik verschiedene Aktivitäten durchführt. Sie besteht seit 2005.

Anmeldungen zu dem Vortrag machen uns die Abschätzung der Anzahl der Besucher_innen einfacher. Wir freuen uns also über Anmeldungen vorab.

Die genaue Anfahrtsbeschreibung gibt es nach der Anmeldung.

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Bücher Polyamory

Sex und Liebe im Plural

Wenn Menschen mehr als eine andere Person lieben oder begehren

Vortrag

am 21. April 2016, 20:00 Uhr

Was ist Polyamory, was offene Beziehung, was Beziehungsanarchie, was Swingen? Gab es das wirklich alles schon viel früher und hieß nur anders? Wie viele Menschen sind einvernehmlich nicht-monogam in „Partnerschaften“ und „Beziehungen“? (Wann und warum tauchte überhaupt das Wort „Beziehung“ auf?) Wie sieht das bei anderen sexuellen Orientierungen jenseits der heterosexuellen Mehrheit aus? (Was groß und solide ist diese „Mehrheit“ überhaupt?) Ist das alles eine Männer-Angelegenheit, weil Frauen doch keine Lust auf Gelegenheitssex haben? Oder ist die Ehe ein Auslaufmodell, weil ohnehin alle fremdgehen? Werden wir immer beziehungsloser?

Was haben Marsmenschen, Feministinnen, Hexen und Apple-Verkäuferinnen mit der Geschichte der Polyamory zu tun? Woher kommen solche englischen Begriffe wie „primary“ oder „poly-fidelity“, was bedeuten sie und wer hat sie mit welchen Interessebei den Polyamoren eingebracht? Stimmt das eigentlich, was in der Presse so an Gemeinplätzen über Hippies, Studentenrevolte, Swingerinnen und lüsterne Esosekten wiedergekäut wird? Und was soll die Nummer mit diesem „Tantra“?

Julio Lambing wird in einer ungewöhnlichen Form in seinem Vortrag (2h) auf solcherlei Fragen eingehen. Dafür wird er u.a. Forschungsergebnisse, Statistiken und Diskussionen aus den Sozialwissenschaften nutzen, aber auch von seinen persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen mit der Geschichte unterschiedlicher Milieus und Bewegungen rund um die Nicht-Monogamie erzählen. Lambing bewegt sich seit mehr 25 Jahren in Subkulturen, Lebensstil-Avantgarden und alternativen Zusammenhängen. Dazu gehören auch (aber nicht nur) verschiedene Formen und Praktiken nicht-monogamer Sexualität und Liebe. Er hat Treffen, Treffpunkte, Strukturen, Organisationen mitaufgebaut oder gegründet. Er verfasst Texte darüber, hält Vorträge und redet bisweilen in Podiumsdiskussionen dazu.

Der Vortrag ist der Start einer kleinen Vortragsreihe in der „Werkstatt Dritter Ort“ zu Themen wie Liebe, Wahnsinn, Tod. Die „Werkstatt Dritter Ort“ ist ein nicht-kommerzieller Treffpunkt des Dritten Ortes auf der rechten Rheinseite in Köln. „Der Dritte Ort“ selbst ist eine Handlungsgesellschaft, die an der Schnittstelle zwischen Kunst, Gemeinschaft, Sex, Wissen, Ritual und Politik verschiedene Aktivitäten durchführt. Sie besteht seit 2005.

Anmeldungen zu dem Vortrag machen uns die Abschätzung der Anzahl der Besucher_innen einfacher. Wir freuen uns also über Anmeldungen vorab.

Die genaue Anfahrtsbeschreibung gibt es nach der Anmeldung.

Tonosterhasi bei Blumen

Cologne Commons 2013

Allmenden in Wissenschaft, Kultur und Alltag

am 17. und 18.10. 2013 in Köln

Vom 17. bis 18. Oktober findet zum dritten Mal die »Cologne Commons« statt – eine Verbindung aus Festival und Konferenz zu frei zugänglicher Kunst, Kultur und Wissenschaft sowie gemeinschaftlich genutzten Ressourcen des täglichen Lebens. Erstmals kombiniert die Cologne Commons damit »digitale« und »analoge« Themen: Junge Bands, die durch freie Musik im Internet bekannt werden, oder Doktorarbeiten, die für alle einsehbar sind – was hat das mit gemeinschaftlichen Wohnprojekten, solidarischer Landwirtschaft oder kostenlosen Do-it-Yourself-Kursen zu tun?

Mehr, als auf den ersten Blick ersichtlich. »Alle tragen freiwillig nach selbst gewählten Spielregeln zum Gelingen des Ganzen bei«: Dies ist ein Prinzip der im Internet praktizierten Gemeingüter-Ökonomie, in der Fachsprache »Peer-Produktion«. Kooperation gewinnt, nicht das Streben nach maximalem Profit – das sind bei Licht betrachtet auch die Ziele einer ökologisch orientierten Ökonomie. Nutzergemeinschaften pflegen urbane Gärten, offene Werkstätten und Umsonstläden bieten in der Stadt Alternativen zur Konsumkultur, Ökodörfer entwickeln innovative Formen von »Schenkökonomie« und gemeinschaftlich verwalteten Ressourcen. Der »digitale« und der »analoge« Strang der Commons-Debatte finden selten zusammen, dabei liegt genau in seiner Verbindung ein großes Innovationspotenzial für einen Wandel hin zu einer enkeltauglichen Gesellschaft. Die Cologne Commons bietet die Chance, auf einem Musikfestival und einer Fachkonferenz den Wind des Wandels zu schnuppern und ihn selbst mitzugestalten.

Das Musikfestival wird am 18. Oktober 2013 abends im Musikclub „Gebäude 9“ in Köln-Deutz stattfinden. Mit »Von Korf« (Indie-Krautrock), »Die Formation Doppelherz 2000« (Hedonismus), »ZOE.LEELA« (Trip Hop/House) sowie »Pandafilm« (Acid) könnten die Bands nicht unterschiedlicher sein. Sie verbindet, dass alle ihre Musik zum legalen, kostenlosen Download ins Netz stellen und das Kopieren, Remixen und Mashups erlauben. Die Künstler basteln an einer Zukunft, in der die Musik wieder als Kunst und nicht als Produkt wahrgenommen wird. Das passt ganz zur Philosophie der Bewegung für ökologische Commons: Sie wünschen sich eine Zukunft, in der Natur vor allem als Lebensquelle und nicht als ausbeutbarer Rohstoff für käufliche Produkte gesehen wird.

So verspricht die Cologne Commons einen spannenden Brückenbau. Zu den Referentinnen und Referenten der Fachkonferenz gehören unter anderem die Gemeingüter-Expertin Silke Helfrich, der Filmkomponist Matthias Hornschuh, Wolfgang Senges vom Alternativen Musik-Lizenzierungsprojekt CS3, Elisabeth Voß, Pionierin der solidarischen Ökonomie und Johannes Heimrath, Herausgeber der Zeitschrift Oya. Sie werden gemeinsam mit dem Publikum der Frage nachgehen, wie die ermutigenden Beispiele gelingender Kooperation in der digitalen wie der ökologischen Commons-Welt Impulse für zukunftsfähige Ökonomien und Lebensstile geben können.

Weitere Infos unter: http://cologne-commons.de

Der digitale Strang wird inhaltlich betreut durch das Institut für Linguistik – Phonetik der Universität zu Köln mit Unterstützung durch den kulturverein „Purer Luxus e.V.“. Der analoge Strang wird inhaltlich betreut durch das Global Ecovillage Network Europe und dem European Business Council for Sustainable Energy (e5), die im Rahmen des Projekts „Modelle gelebter Nachbarschaft“ die Gemeingüter-Ökonomie von Ökodörfern und städtischen Gemeingüter-Initiativen untersuchen. Der Dritte Ort wird die Konferenz vor Ort organisatorisch unterstützen.

Cologne Commons Konferenz
Donnerstag 17.10. bis Freitag 18.10.2013
Jeweils von 10 bis 18:30 Uhr
Seminargebäude, Universität zu Köln, Universitätsstraße 37 & 16a, 50931 Köln
Eintritt frei, Anmeldung erforderlich

Cologne Commons Festival
Musikclub »Gebäude 9« Deutz-Mülheimer-Strasse 127-129, 51063 Köln-Deutz
Freitag 18.10.2013
Einlass: 20 Uhr. Beginn: 21 Uhr pünktlich!

„Götter und Menschen“

Workshop zu Grundlagenfragen
animistischer und polytheistischer Traditionen

vom 8. – 10. August 2008, Köln

In welchem Sinne ist die Behauptung, dass Griechen und Römer keine Religion kannten, plausibel? Warum gibt es den Begriff „Hindu“ als Religionsbezeichnung im heutigen Sinne erst seit Beginn des 19. Jahrhunderts – und wieso gab es zuvor nichts Vergleichbares an seiner Stelle? Und wie kann es sein, dass in einer deutschen Übersetzung eines Verses aus der Bhaghavad-Gita von einer „Wunschkuh“ die Rede ist, während es in der englischen Version der gleichen Textstelle sinngemäß heißt, dass „selbstloser Ritualdienst zur Erfüllung des Verlangens führt“? Mit solchen Fragen befassten sich die Teilnehmer eines theoretischen Workshops vom 8. bis 10. August 2008 in Köln, der von der naturreligiösen Interessenvertretung „Rabenclan e.V.“ und dem Dritten Ort veranstaltet wurde.

Wie schon im Oktober des letzten Jahres, in dem ein erster Workshop dieser Art stattfand, führte auch dieses Mal der Kulturtheoretiker Dr. habil. Narahari Rao durch das gemeinsame Nachdenken. Rao, der aus Indien stammt, hat bereits durch seinen eigenen kulturellen Hintergrund auf Phänomene, die man als „heidnisch“ oder „naturreligiös“ einordnen könnte, einen anderen Blick als die Workshop-Teilnehmer. Darüber hinaus befasst er sich in seinen Arbeiten seit vielen Jahren mit der Frage, inwiefern kulturell vermittelte Kategorien das Verständnis anderer Kulturen prägen und womöglich verzerren.

Während im letzten Workshop die Frage im Zentrum stand, wie Rituale und die für naturreligiöse Traditionen eigentümlichen personalen Beziehungen zu Pflanzen, Tieren und Gegenständen zu einem guten und gelungenem Leben beitragen, lautete das Thema diesmal: „Götter und Menschen“. Im Zuge der Esoterik-Welle wurden Götter wieder populär, oft allerdings in verflachter, trivialisierter oder psychologisierter Form. Wir wollten in unserem Workshop folgenden Fragen nachgehen: Was macht Götter aus? In welcher Welt leben Götter und Menschen, wenn wir in einer Welt der Götter leben (oder leben würden)? Warum haben Götter Schwächen und Grenzen? Was heißt es, wenn Götter ihre Grenzen überschreiten? Wie hängt das mit dem zusammen, wenn Menschen ihre Grenzen überschreiten? Eine Auswahl der vielschichtigen Gedankenstränge, die der Workshop nachging, sollen in diesem kursorischen Bericht referiert werden. Der hier skizzierte Gedankengang kann den inhaltlichen Diskussionsverlauf lediglich andeuten.

Am Freitagabend wurde vorbereitend der Grundstein für die weiteren Überlegungen der nächsten beiden Tage gelegt. Die Teilnehmer diskutieren über die Frage wie kulturell überkommene Unterscheidungsgewohnheiten bei der Erzeugung unterschiedlicher Welten, in denen man lebt, eine Rolle spielen und wie das Studium der Vergangenheit oder fremder Kulturen einen Beitrag leisten kann, neue Welten zu erzeugen. Dementsprechend wurden am Samstagvormittag als Einstieg und zum Verständnis von Handlungen zentrale Unterscheidungen der westlichen intellektuellen Tradition untersucht. Als Ausgangspunkt diente ein klassischer Text der philosophischen Diskussion in Deutschland zur ökologischen Ethik (Dieter Birnbacher: „Sind wir für die Natur verantwortlich?“, 1980), der solche Unterscheidungen präzise und klar zur Lösung einer ethischen Problematik einsetzt.

Die von Birnbacher aufgeworfene Frage lautet: Hat man als Mensch der Natur gegenüber Verantwortung um ihrer selbst Willen oder nur aus anthropozentrischen Erwägungen heraus, etwa aus Verantwortung den zukünftigen Menschengenerationen gegenüber? Die in seinem Text thematisierten Problemfelder kreisten um die Fragen:

1. Hat die Natur überhaupt einen „Wert an sich“? Was ist ein „Wert an sich“? Gibt es überhaupt so etwas wie zweck- und damit nutzlosen, aber dennoch immanenten Wert?

2. Welche Motivation bräuchte der Mensch, um der Natur gegenüber verantwortungsbewusst zu handeln? Erfordert Handeln überhaupt grundsätzlich Motivation?

3. Erliegt, wer der Natur einen Wert an sich zuspricht, einem „naturalistischen Fehlschluss“, wird also aus einer Tatsache (Ist) ein Ideal (Soll) abgeleitet?

Die Lektüre des Textes knüpfte damit zwanglos an die Diskussion des vorangegangenen theoretischen Workshops an, in dem unser ethisches Verhältnis zur „Natur“ ein zentraler Reflexionsgegenstand war.

Um die grundlegenden begrifflichen Unterscheidungen besser zu verstehen, die den von Birnbacher aufgeworfenen Fragen zugrunde liegen, wurde seine Analyse mit der Lektüre von Texten kontrastriert, die summarisch die Beschreibungen der Fachwissenschaft zu antiken heidnischen Traditionen und zum Hinduismus wiedergeben. Es handelte sich um die Einträge der Encyclopaedia Britannica zur „Griechischen“ bzw. „Römischen Religion“ und zum „Hinduismus“. Vor allem interessierten die dort verwendeten Beschreibungen zu Handeln und Motivation.

Als Destillat dieser Beschreibungen wurde festhalten:

Griechisch-römische Kultpraxis:

Ein Begriff von Religion im modernen Sinne existiert nicht. Bekenntnis und der richtige Glaube an ein Set von Überzeugungen sind nicht relevant für die religiöse Praxis. Richtiges Handeln hat höchste Priorität, wird aus der Beschaffenheit des Menschen ganz selbstverständlich abgeleitet (–>Aristoteles). Die tatsächliche Motivation als auch Überzeugung hinter dem Handeln scheinen weniger zu interessieren, wenn es um die Bewertung einer Handlung geht. In Rom wurde Wert darauf gelegt, dass Kulthandlungen äußerst sorgfältig und ehrfürchtig (siehe Bedeutung des Wortes „religio“) und eigentümlich sachlich („superstitio“!) durchgeführt wurden. Die Handlung wird voller Konzentration zelebriert, ihrer Bedeutung wird wenig bis keine Aufmerksamkeit gewidmet.

Hinduismus:

Bemerkenswerterweise weist die Beschreibung des Hinduismus Ähnlichkeiten mit denen der griechischen und römischen „Religion“ auf. Auch hier scheint die Motivation oder ein Set an Überzeugungen nicht zentral für die Beschreibung von „religiösen“ Handlungen zu sein: „The core of religion does not depend on the existence or nonexistence of God or on whether there is one god or many. (…) Moreover, the tendency of Hindus to distinguish themselves from others on the basis of practice (orthopraxy) rather than of doctrine (orthodoxy) further de-emphasizes doctrinal differences.“
(„Hinduism“ – Encyclopaedia Britannica Article)

Um ein besseres Verständnis dieses Verhältnisses von Handlung und Motivation zu erreichen, untersuchten wir daraufhin einen Dialog zwischen dem Fürsten Arjuna und Krishna aus der Bhagavad-Gita (ein klassisches philosophisches Lehrgedicht, das vermutlich zwischen 500 und 200 v.u.Z. in Indien entstanden ist). Es wurde ersichtlich, dass in diesem für die indische Kultur einflussreichen Text nicht nur davon ausgegangen wird, Handeln ohne Motivation sei möglich, sondern es sogar regelrecht gefordert wird: Opferhandlungen sollen absichtslos ausgeführt werden, also ohne Anliegen, ohne Bitte. Über die absichtslos, aber sorgfältig und regelmäßig vollzogene Handlung wird einem bestimmten Ethos Genüge getan. Dieser Ethos entwickelt sich erst über die Handlung, wird durch sie eingeübt, verinnerlicht. Er ist nicht Vorbedingung für die Handlung. Es wird außerdem ausdrücklich festgestellt, dass alle Wesen ihrer Natur entsprechend handeln (was Ähnlichkeiten mit antiken Verknüpfungen von Ethos und Natur eines Wesens aufzuweisen scheint, wie wir sie etwa von Aristoteles kennen).

Eine weitere Ähnlichkeit findet sich für das Agieren von Göttern und Menschen, wie es in der Textstelle beschrieben wird. Es scheint dem römischen „do ut des“ verwandt: Mit dem richtigen Handeln dem anderen gegenüber erwerben sich beide ein Anrecht auf die angemessene Gegenreaktion des anderen. Der Mensch opfert der Gottheit und ernährt sie so, dafür schafft die Gottheit jene Bedingungen, in denen der Mensch für sie und sich selbst zu sorgen in der Lage ist. Es handelt sich um eine gegenseitige Abhängigkeit, eine Symbiose, wenn man so will. Niemand kann den Willen des anderen ignorieren, ohne sich damit selbst zu schaden.

Es geht hier nicht darum, ob diese Rekonstruktionen der antiken bzw. hinduistischen Kultur zutreffend sind oder nicht, sondern lediglich um die Tatsache, daß hier seitens der Forschung eine Spannung zu jenen Beschreibungen menschlichen Verhaltens auftaucht, wie sie in der intellektuellen Reflexion heute verbreitet ist. Nun war besser zu verstehen, wie Birnbacher Handlungen auf eine Weise rekonstruiert, deren Logik aufgrund ihrer Verbreitung heute stillschweigend als gültig vorausgesetzt wird: Seiner Darlegung liegt die unausgesprochene Annahme zugrunde, daß jede Handlung aus einer Norm abgeleitet ist. Doch diese Rekonstruktion muss jedoch nicht generell und in jedem Fall die beste Methode zur Erklärung menschlichen Handelns sein muß: Ein klassisches Beispiel dafür ist der Spracherwerb: Kein Kind lernt seine Muttersprache durch das Lernen grammatischer Regeln; die Regeln werden meist erst in der Schule aufwändig erlernt.

Meisterschaft in einer Fertigkeit besteht darin, komplexe Handlungen auszuführen, die jenseits eines Sets von Regeln sowohl ausgeübt als auch adäquat beschrieben werden können. Es ist sinnvoll, zwischen Handlungen zu unterscheiden, die entweder unseren Dispositionen entsprechen und oder die in Übereinstimmung mit ausdrücklich formulierten Regeln oder Normen stehen, und diese beiden Handlungsarten auch klar voneinander abzugrenzen. Die heute übliche, analytische Trennung zwischen einer Handlung, die sich beschreiben lässt, und einer Norm, an der sich diese Handlung – angeblich „implizit“ – orientiert, ist also selbst eine theoretische Konstruktion, die nicht selbstverständlich und auch nicht für jeden Handlungstyp zwingend ist.

Auch eine weitere unhinterfragte Voraussetzung in dem Birnbacher Text konnte nun zum Diskussionsgegenstand werden: Die klassische Unterscheidung und Unüberführbarkeit von Sein in Sollen, die mit dem, wie die Forschung die Denkungsart der griechisch-römischen wie „hinduistischen“ Tradition beschreibt, in eigenartigem Konflikt zu stehen scheint. Auch hier ist gar nicht klar, ob diese Unterscheidung immer sinnvoll ist: Anhand von Alltagsbeispielen analysierten die Workshop-Teilnehmer Lebensbereiche, in denen das Diktum der Nichtüberführbarkeit zwischen Sein/Sollen nicht so selbstverständlich und sinnvoll erscheint, wie die neuzeitliche moderne philosophische Tradition behauptet: Rollenzuschreibungen, Begriffe wie krank/gesund und vieles mehr.

Im Fortgang der Diskussion wurde dann untersucht, inwieweit die ernüchternde Konsequenz des Birnbacher Textes, daß nur eine anthropozentrische Version ökologischer Ethik möglich ist – „Natur“ also niemals einen Wert an sich hat – unweigerliche Folge der verwendeten zentralen Unterscheidungen ist.

Der zweite Tag des Workshops konzentrierte sich auf die Frage, wie das Vorgehen eines Handwerkers beim Herstellen eines Gegenstands auf verschiedene Weise beschrieben und als Modell benutzt werden kann, um kulturell unterschiedliche Verhältnisse zwischen Menschen und einem Gott/mehreren Göttern zu analysieren. Dies sollte dazu dienen, die an diese Verhältnisse gebundenen Kosmologien, Weltsichten und Umgangsweisen mit der Welt zu verstehen. Es wurden zwei Beschreibungsarten herausgearbeitet, beide uns wohlvertraut sind. Die erste Beschreibungsart handwerklicher Schöpfung geht davon aus, dass vor der Schöpfung die Idee steht, der gemäß dann das Produkt geschaffen bzw. (um-)geformt wird. Es liegt gewissermaßen ein fertiges Design im Geist des Schöpfers vor, das dann 1:1 umgesetzt wird. Der Gestaltungsprozess ist abgeschlossen, wenn die vorliegende Idee vollständig umgesetzt ist.

Ohne die Materie jedoch kann sich die Idee nicht manifestieren. Eine Idee, die sich nicht in Materie manifestieren kann, ist sinnlos, weil sie nicht wirken kann. Die Idee ist also auf die Materie angewiesen. Zum Formen der Materie nach dem Vorbild der Idee wird als Instrument der entsprechende Wille notwendig. Bei der Übertragung der Idee auf die Materie wird ein gestalterischer Wille durchgesetzt. Die Materie wird hier als Objekt betrachtet, die Idee als fest vorgegeben und unbeeinflussbar. Diese Beschreibung kann als das Designermodell der Herstellung beschrieben werden.

Das zweite Schöpfungsprinzip beruht auf der Annahme, dass bei der Gestaltung der Materie keine fertige Idee als Vorlage diente, sondern Idee und Materie sich im Gestaltungsprozess fortwährend gegenseitig inspirieren. Es findet keine einseitige Willensdurchsetzung seitens des Schöpfers statt, sondern das Material kommuniziert mit seinem Gestalter und andersherum. Das Ende des Gestaltungsprozesses ist unbestimmt, es kann unter Umständen als unendlich angenommen werden. Als Beispiel können der (Kunst-)Handwerker und der Künstler dienen, deren zu schaffendes Objekt seine Form erst in Kommunikation mit dem Material während des Schaffensprozesses entwickelt. In manchen Fällen liegt nicht einmal eine Ausgangsidee vor, sondern es wird rein intuitiv gearbeitet. Es ist schwierig, diesen Prozess mit jener Rekonstruktion menschlichen Handelns in Einklang zu bringen, die Handeln als grundsätzlich normgeleitet ansieht.

Um den Schöpfungsprozess zwischen einem Gott und der Welt besser zu verstehen, können nun diese Herstellungsmodelle herangezogen werden. Während in dem einen Modell der Schöpfer das Design einer Welt entwirft, dessen Regeln sowohl in Kultur wie in Natur ein für allemal gesetzt sind („Naturgesetz„), ist gemäß des anderen Modells ein Schöpfungsprozess am Werk, bei dem die Welt mit dem Schöpfer „kommuniziert“ und interagiert. Die Verschiedenheit der beiden beschriebenen „Schöpfungsverfahren“ schlägt sich im Verhältnis der Menschen zu ihrem Schöpfer nieder. Sind der Mensch und die Welt, in der er lebt, im zuerst beschriebenen Fall als Objekte auf den guten Willen ihres Schöpfers angewiesen, ohne mit ihrem eigenen Willen auf die Gestaltung Einfluss nehmen zu können, so ist folgerichtig das menschliche Verhalten auch eher passiv angelegt. Der Schöpfergott ist hier ein Herrscher, dessen Wille immer Vorrang hat vor dem der Menschen. Er macht die Regeln. Die Menschen haben sich daran zu halten, er selbst jedoch nicht. Man kann von diesem Schöpfergott zwar Wohlwollen erbitten und erhoffen – aber ein Anrecht darauf erlangt man nicht einmal durch strengstes Wohlverhalten. Das Verhältnis ließe sich als ein autokratisches charakterisieren.

Im zweiten beschriebenen Fall dagegen ist nur festgelegt, was bereits geschehen ist. Die weitere Entwicklung ergibt sich aus der Interaktion von Idee und Materie, also z.B. von Gottheit und Mensch. Offenkundig wäre eine Weltsicht, die sich an diesem dynamischen Modell orientiert, eine andere als jene, in der es jene ewigen Gesetze der Natur gibt, wie sie bei der Geburt der modernen Wissenschaft im 17./18. Jahrhundert angenommen wurden.

Die Metapher „Kommunikation mit der Materie“ leitet zu einer weiteren Möglichkeit über, das Verhältnis Mensch versus Götter nachzuvollziehen. Wenn gesagt wird, daß Materie mit dem Handwerker/Künstler „kommunziert“, so wird hier eine Beschreibung des Verhältnisses zwischen Ding und Mensch verwendet, die auch schon im ersten Workshop (Bericht siehe hier) eine zentrale Rolle spielte: Etwas, was in unserer modnernen Weltsicht nur eine Sache sein kann, wird mit Zuschreibungen versehen, wie wir sie bei Personen verwenden.

Kommunikation ist eine wechselseitige Handlung, die eigene Absichten und ein eigenes Verständnis der Worte auf beiden Seiten der Kommunikation voraussetzt. In heidnischen Kulturen begegnete die Welt dem Menschen in personifizierter Form und kommunizierte mit ihm. Es waren jene Kräfte/Mächte, die zugleich als selbstbestimmte Personen agierten als auch für Phänome standen, die wir als Aspekte der Funktionsweise der Welt betrachten: Sexualität, Kultur, Tod, Meeresstürme usw. beeinflussen das Leben der Menschen ganz entscheidend.

Die wechselseitige Abhängigkeit zwischen den rechten Handlungsweisen der Menschen und Götter, wie wir sie oben in Bezug auf Passagen in der Bhaghavad-Gita thematisierten, kann ein Hinweis darauf sein, daß in Kulturen, in denen solche Kräfte/Mächte eine Rolle spielen, ein fundamental anderer Dingbezug und auch eine andere Art und Weise, Welt zu erzeugen, vorhanden war. Ist der Bezug des Menschen zur Welt und zu den Dingen in polytheistischen Kulturen also ein grundsätzlich anderer als der in monotheistischen Kulturen? Setzt unsere moderne Weltsicht und Wissenschaft nicht nur historisch, sondern auch ontologisch einen monotheistischen Schöpfergott voraus? Wie fremd sind uns polytheistische Kulturen wirklich?

Wenn wir fragen, wie unser fundamentaler Bezug zu den Dingen in der Welt oder (wie Birnbachers Frage war) zur „Natur“ aussieht, so ist das eng verküpft mit der Frage nach einem guten, erfüllten, also befriedigenden Leben verknüpft. Was ein gutes, befriedigendes Leben ist, darüber gehen die Sichtweisen in unterschiedlichen Lebensmilieus und Kulturen auseinander. Unterscheidungen von Handlungsbereichen und Handlungsweisen spielen dabei eine entscheidende Rolle. In der Antike gab es z.B. den Unterschied zwischen notwendigen und schönen Künsten, die beide zum guten Leben gehörten. Die abendländische Kultur lehrt den Unterschied zwischen „materiellen“ und „geistigen“ Bedürfnissen. Schon diese beiden Kategoriepaare sind kaum miteinander vergleichbar, weil sie völlig unterschiedlichen Unterscheidungsgewohnheiten folgen. Um wie viel schwieriger wird das Verständnis da erst für Kulturen, die geschichtlich noch weiter zurück oder außerhalb Europas liegen!

Beim Streben nach einem guten, erfüllten Leben heißt es jedenfalls herauszufinden, was man als Bereicherung des eigenen Lebens empfindet. Das lernt man durch Erfahrung: Trial and error, Versuch und Irrtum. Es scheint genau wie bei der Ausbildung zum Handwerker zuzugehen: Erst wenn man das Handwerk richtig beherrscht, erfährt man volle Befriedigung daraus.

Der Workshop endete mit dem Ausblick auf zwei Fragen, die auf einer Folgeveranstaltung anläßlich der jährlichen Hauptversammlung des Rabenclans im November behandelt werden sollen:

1. Gibt es überlieferte, lebensbereichernde Tätigkeiten, die neu entdeckt werden wollen?

2. Ist die klassische Trennung von Magie und Wissenschaft, von Geist und Materie tatsächlich so gültig wie heute gemeinhin behauptet?

So weit ein Ausschnitt aus dem Spektrum der in der Diskussion geäußerten Gedanken. Der hier skizzierte Gedankengang kann den inhaltlichen Diskussionsverlauf lediglich andeuten. Es versteht sich von selbst, daß nicht unbedingt jeder Aspekt dieser Überlegungen von allen Workshop-Teilnehmern (inklusive des eingeladenen Referenten) geteilt wurde.

Im Herbst letzten Jahres veranstalteten wir mit dem Kulturtheoretiker und Philosophiedozenten PD Dr. Narahari Rao (Saarbrücken) und in Kooperation mit dem „Rabenclan – Verein zur Weiterentwicklung heidnischer Traditionen e.V.“ einen theoretischen Workshop zu grundlegenden Fragen beim Verständnis animistischer und polytheistischer Traditionen. Im Zentrum stand die Frage wie Rituale und die für naturreligiöse Traditionen eigentümlichen personalen Beziehungen zu Pflanzen, Tieren und Gegenständen zu einem guten und gelungenem Leben beitragen. (Bericht dazu hier.)

Nun wollen wir am Wochenende vom 8. bis 10. August über das Thema „Götter und Menschen“ nachdenken. Im Zuge der Esoterik-Welle wurden Götter wieder populär, oft allerdings in verflachter, trivialisierter oder psychologisierter Form. Wir werden in unserem Workshop folgenden Fragen nachgehen: Was macht Götter aus? Warum haben Götter Schwächen und Grenzen? Was heißt es, wenn Götter ihre Grenzen überschreiten? Wie hängt das mit dem zusammen, wenn Menschen ihre Grenzen überschreiten?

Vorgesehene Gliederung der Diskussion

Freitagabend
19:00 – 21:30

Unterscheidungsgewohnheiten

Reflexion über Kategoriengewohnheiten (Category Habits)

Was heißt sich mit Vergangenheit zu beschäftigen bzw.diese zu studieren?

Unterscheidungsmuster und Bereitstellung neuer Kategorien und Kategoriegewohnheiten

Samstag
10:00-11:30
und
11:45 – 13:15

Unterscheidungsgewohnheiten

Diskussion des Textes: Dieter Birnbacher: „Sind wir für die Natur verantwortlich?“

Unterscheidungsmuster und Erzeugung von Welten

14:45 – 16:15
und
16:30 – 18:00

Götter: Objekte der Verehrung oder Verhandlungspartner?

Diskussion der Texte: Greek Religion und Roman Religion

Diskussion ausgewählter Verse der Bhagavad-Gita

Sonntag
10:00 – 11:30
und
11:45 – 13:15

Herstellung: Handwerkermodell versus Designermodell

Herstellung als Verhandlung versus Durchsetzung des Willens

14:45 – 16:00

Ethos:

Ist es möglich einen neuen Ethos zu gründen?

Issues to ponder

For the workshop on 8th to 10th August 2008
Often, in the public discussions on policy, the following contrast is made: Actions ensuing from ‚feelings‘ versus those ensuing from norms and values. For example, opposition to atomic energy can be said to stem either from a fear of its radio-active consequences or from a norm that any technology with long term unalterable consequences need to be avoided. Similarly, one may support the voluntary euthanasia either out of sympathy for the patients‘ desire to avoid chronic pain, or out of a respect for the principle of ‚autonomy of the individual‘.

What is referred to by ‚actions ensuing from feelings‘ are, usually, those routine actions we are accustomed to in the day-to-day life: For instance, if we see someone suffering from pain we tend to help to relieve it whenever and howsoever we can. Therefore let me call such actions as those in accordance with dispositions in contrast to those in accordance with explicitly formulated rules or norms.

In this reformulation, of course, the meaning of the original contrast alters. How and in what way? This will be one of the points for discussion in the work-shop.

The next point for our discussion will be a thesis which you may find vague and innocuous, or perhaps, controversial: Our habitat is made by actions ensuing from our habits. The actions ensuing from habits are broadly of two types: Actions of manipulating and actions of distinguishing our environment. When a chair is made out of wood we manipulate our environment. We distinguish it, in contrast, when we identify wood as distinct from living trees.

The above two categories of actions certainly inter-relate and interact, and thereby bring about different worlds. In some worlds there are gods and in some there are none. How and why we bring about the one or the other types of worlds to live, or even, whether we can deliberately bring about such worlds at all, is the main theme of our workshop.

Texts to read and reflect

You find attached two articles from Encyclopedia Britannica, one on ‚Greek Religion‘ and another on ‚Roman Religion‘. What is needed for our purpose is only the reading and reflecting on introductory sections each. The articles are made available in full in case you have time and interest to read the whole of them. Also attached for re-reading is the text we discussed in the last workshop: Ernst Tugendhat, „Wem kann ich danken? Über Religion als Bedürfnis und die Schwierigkeit seiner Befriedigung“ (Online-Version see here)

In addition I request you to read the following:
Dieter Birnbacher, „Sind wir für die Natur verantwortlich?“ in: „Ökologische Ethik„, Hrsg. v. Dieter Birnbacher, Stuttgart 2001, Reclam Universal-Bibliothek 9983.

Narahari Rao

Bild RaoUnsere Magisch-Poetische Handlungsgesellschaft veranstaltete in Kooperation mit dem „Rabenclan – Verein zur Weiterentwicklung heidnischer Traditionen“ in Köln vom 5. bis 7. Oktober 2007 einen Workshop mit dem Kulturtheoretiker PD Dr. Narahari Rao (Universität Saarbrücken) zu grundlegenden Fragen beim Verständnis animistischer und und polytheistischer Traditionen. Der intensive, zweieinhalbtägige Dialog wurde von dem Philosophiedozenten ganz in einem mäeutischen Stil moderiert. Rao ist selbst in zwei Kulturkreisen zu Hause und kennt die Problematik, wie Begriffe und Vorstellungen der westlichen Forschungstradition, die unzweifelhaft vom Christentum geprägt sind, das Verständnis von Lebensweisen in polytheistischen oder animistischen Traditionen und Milieus behindern. Aufgrund eigener Erfahrung ist er mit den Herausforderungen vertraut, die sich bei der Entwicklung und Etablierung sogenannter „alternativer Lebenszusammenhänge“ ergeben.

Ausgangspunkt der Diskussionen war die grundsätzlichere Frage danach, was ein gutes Leben ausmacht und was die Bedingungen eines solchen sind. Im Nachvollzug der bekannten idealtypischen Einteilung bei Aristoteles (Familie, Dorf, Stadtstaat) stellte sich die in der Gemeinschaftsbewegung durchaus unangenehme Frage, welche Mindestgröße gemeinschaftliche Strukturen überhaupt haben müssen, damit die Bedingungen für ein gutes Leben gegeben sind. Weitergefasste Strukturen wie z.B. Nationalstaaten oder internationale Beziehungsgeflechte in der globalisierten Welt kannte Aristoteles noch nicht, und ihre Bedeutung heute kann auch nicht mehr ignoriert werden, allerdings ist das zentrale Vorteil der Überschaubarkeit der Polis ein guter Hinweis, was der Preis großer sozialer Gebilde ist und wo Anonymisierungseffekte komplexer Interdependenzketten durch weitere Elemente einer Lebensform wieder kompensiert werden sollten. Allein die Komplexität einer Polis macht aber deutlich, daß größere Strukturen auch die eigengesetzliche Entwicklung und Verfeinerung neuer Bedürfnisse, Notwendigkeiten, Fertigkeiten und Institutionen zur Folge haben.

Im Fortgang des Workshops schälte sich die Bedeutung von Festen und Ritualen für die Etablierung und Verfeinerung des Ethos und des Sets an Fertigkeiten heraus, die für eine Gemeinschaft und das individuelle Leben wichtig sind. Anhand von Danksagungen bei Feiern (z.B. bei der Lebensrückschau anläßlich von Geburtstagen) wurde exemplarisch die Frage erörtert, wie Rituale Ethos und Haltungen trainieren. Dankbarkeit und dankbar zu sein steht in einem engem Verhältnis zu einer Anerkenntnis des „Verschuldet Seins“ gegenüber jemandem. Letzteres ist eine eigentümliche Verpflichtung, die sich aus der erhaltenen Wohltat ergibt. Eine Analyse dieser Verpflichtung erhellt wiederum auch die Frage, wer überhaupt Teil der sozialen Gemeinschaft ist, für die die Frage nach den Bedingungen des guten Lebens geklärt werden muß.

Der als Ausgangsbasis für die weitere Diskussion verwendete Aufsatz von Ernst Tugendhat „Wem kann ich danken? Über Religion als Bedürfnis und die Schwierigkeit seiner Befriedigung“ thematisiert diese Problematik des personalen Bezugsrahmens beim Phänomen des Dankens. Tugendhat hält es für „schwer vorstellbar, dass Menschen nicht ein wesentlicher Aspekt ihres Lebens entgeht, wenn sie für ihr Leben und für das, was ihnen in ihrem Leben wichtig ist, nicht danken können.“ Zugleich erscheint ihm die Meinung unbefriedigend, „dass alles Danken sich auf das Bewusstsein reduzieren lasse, dass andere natürliche Personen für das Geschehen dessen, was für einen gut ist, verantwortlich seien; ein darüber hinausgehendes Danken gebe es nicht.“ Er spitzt aber die Problematik voreilig theologisch auf den Gottesglauben zu, wenn er konstatiert: „Unbefriedigend ist zweitens die Ansicht, dass ein solches Danken, das über die Dankbarkeit gegenüber natürlichen Personen hinausgeht, auch anonym sein könne, dass also das Objekt des Dankens, das im Dativ steht, nicht eine Person sein müsse. Es gäbe dann ein Danken gegenüber einem nichtpersonalen Wesen. Demgegenüber erscheint es mir evident, dass man nur einem Wesen danken kann, dem gegenüber es auch sinnvoll sein kann, etwas zu erbitten; und es ergibt keinen Sinn, ein nichtpersonales Wesen um etwas zu bitten. Es erscheint also sinnwidrig, zu einer nichtpersonalen Instanz zu beten oder ihr zu danken; und das heißt, es wird dann sinnlos, für Dinge zu danken, für die man nicht einer natürlichen Person danken kann.“ Da nach Ansicht des Tübinger Philosophen der Glaube an einen christlichen Gott, dem man danken kann, die intellektuelle Redlichkeit verletzt, kreist der Aufsatz dann um dieses Dilemma und verpasst so die Möglichkeit die Komplexität des Phänomens der Dankbarkeit befriedigend auszuloten.

Im Verlauf der weiteren Diskussion ermittelten die Workshopteilnehmer eine Vielzahl an Grenzbereichen, in denen Dankbarkeit sinnvoll auf etwas ausgerichtet werden kann, das im Grenzgebiet der Personalität liegt (intellektuelle oder kulturelle Traditionen, Institutionen, verstorbene Ahnen, Tiere, Pflanzen usw.), selbst wenn an der etablierten begrifflichen Unterscheidung von nicht-intentionalem Ereignis versus absichtsvoller Handlung, anhand derer sich Personalität diagnostizieren lässt, festgehalten wird. So wie wir Personen für ihre schlichte Existenz dankbar sein können, wenn sie allein durch ihr Dasein und ohne bewusste Intention ihrerseits unser Leben bereichern, so können wir auch nicht-menschlichen Lebewesen dankbar sein, wenn sie unser Leben bereichern (- beliebtes, viel Heiterkeit auslösendes Beispiel war der Maulwurf mit seinen charakteristischen Erdaushubaktivitäten). Und in beiden Fällen kann sich über die Dankbarkeit jenes oben erwähnte Bewusstsein eines „Verschuldet Seins“ herausbilden, das doch eigentlich Kennzeichen einer Beziehung zu einem personalen Wesen ist.

Rituale in naturreligiösen Kulturen thematisieren oft genau solche eigentümlichen personalen Beziehungen zu aus heutiger, anerkannter Sicht „nicht-personalen“ Wesen und trainieren so einen spezifischen Ethos. Dieser Ethos macht auch deutlich, daß sowohl Stellvertreterhandlungen (ein spezifisches Objekt oder Lebewesen erfährt bei Gelegenheit oder in ausgewählten Situationen besondere Aufmerksamkeit, Pflege oder Ehrung), als auch eben Rituale kein Ersatz für die Erfüllung der Ansprüche sind, die sich aus den Verpflichtungen gegenüber solchen Wesen ergeben. Im Gegenteil: beide thematisieren diese Verpflichtungen, erinnern an sie und üben ein, in welcher Haltung ihnen nachgekommen werden muß. Wer z.B. die Ahnen ehrt, kommt also nicht um die Aufgabe herum, dennoch die Tradition zu pflegen und weiterzugeben, die die Ahnen gestiftet haben. Und wer den „Herr der Tiere“ ehrt, ist nicht von dem Anspruch befreit, auch in anderen Bereichen des Lebens sorgsam und umsichtig mit Jagdtieren umzugehen.

In Ritualen drückt sich also eine Vernünftigkeit aus, die Ergebnis einer spezifischen lebensweltlichen Erfahrung ist. Diese Vernünftigkeit kann nicht ohne weiteres mit dem Argument bestritten werden, daß hier „Kultur“ mit „Natur“ verwechselt wird, da Bäume nun einmal Objekte (Dinge, Sachen) sind, aber keine Personen. Es ist bereits Folge einer historisch kontigenten Lebenspraxis, eines Umgangs und einer darauf aufsetzenden Tradition, nicht einfach Konsequenz einer simplen Wahrnehmung, daß Bäume der Kategorie „Dinge“ zugeordnet werden, daß ihnen also nur Ereignisse widerfahren und sie nur Teil von Ereignissen sein können, aber nichts, von dem Handlungen ausgehen.

Diese Vernünftigkeit eines Ethos, der die Dankbarkeit gegenüber Wesen beinhaltet, deren Personalität heute im anerkannten Diskurs abgestritten wird, zeigt sich auch in einem reifen Verhältnis zur Begrenztheit des Menschen. Denn die Dankbarkeit gegenüber allem, was unser Leben bereichert, schützt uns nicht davor, sich gegenüber diesem zu vergehen und die sich aus der Dankbarkeit ergebenden Verpflichtungen lassen sich auch niemals vollständig einlösen. Hier zeigt sich eine Anerkenntnis der tragischen Situation des Menschen, wie sie z.B. auch in den germanischen Heroenepen oder im antiken griechischen Drama zur Sprache kommt.

Bemerkenswert bei dieser Betrachtung ist, daß Rituale nicht als symbolisches Ausdruckssystem gedeutet werden, als verklausulierte, metaphorische Umschreibung eines „Glaubenssystems“, sondern als Aktualisierung und Einübung eines Handlungswissen, einer Fertigkeit, eines Know Hows. Sie trainieren eine Haltung und tun dies, indem sie Handlungen ausführen und in Handlungsabläufe einüben, nicht indem sie verbale Lehren erteilen. Die Einübung der Handlungsabläufe beinhaltet in sich den Anspruch auf Aufmerksamkeit, die den rituellen Ablauf aus der Routine reißen soll. Wenn also beklagt wird, daß ein tradiertes Ritual zur bloßen Routine verkommen ist, so ist dies kein Argument dafür, daß das Ritual gescheitert oder obsolet ist. Nicht das Ritual hat gefehlt, sondern diejenigen, die den grundsätzlichen Anspruch jeden Rituals nach Aufmerksamkeit nicht mehr nachgekommen sind. Rituale wandeln sich in der Regel aufgrund sich verändernder Lebensumstände, die bestimmte rituelle Formen verunmöglichen können. Rituale können aber daneben tatsächlich obsolet sein, z.B. dann, wenn der von ihnen durch die rituellen Handlungen eingeübte Ethos nicht mehr als akzeptabel erscheint.

So weit ein Ausschnitt aus dem Spektrum der in der Diskussion geäußerten Gedanken. Der hier skizzierte Gedankengang kann den inhaltlichen Diskussionsverlauf lediglich andeuten. Es versteht sich von selbst, daß nicht jeder Aspekt dieser Überlegungen von allen Workshop-Teilnehmern geteilt wurde. Eine Vielzahl weiterer Überlegungen zum Verhältnis von Ritual und Kunst, zu Ritualen mit Pflanzen, Tieren und Verstorbenen, zu den Eigenschaften und dem Sinn von Festen, dem tragischen Bewußtsein angesichts der Unabsehbarkeit von Handlungen und der Unwiderruflichkeit des Getanen, dem Phänomen der Weitergabe von Traditionen (unsentimental verstanden als Hort von Fertigkeiten, Sitten, Aussagensystemen, Ethos und Weltanschauung) und den detaillierten Bedingungen des guten Lebens war ebenfalls Teil der intensiven Dialogs.

Auch jenseits der offiziellen Diskussionsrunden wurde überlegt, argumentiert und analysiert, teilweise bis spät in die Nacht. Oft konnte nur eine erste Fährte für weitere zukünftige Überlegungen gelegt werden, die aber für die sichtlich zufriedenen Teilnehmer eine gute Ausgangsbasis für eigene Forschungen und Reflexionen bildeten. Gerade die Tatsache, daß der Teilnehmerkreis sich aus Menschen mit ganz unterschiedlichem persönlichen Hintergrund zusammensetzte (Universität, Marketing, NGO, alternative Lebensweisen etc.) und sich nicht nur aus dem akademischen Milieu rekrutierte, war für die Diskussion sehr hilfreich, da so lebensweltliche Erfahrungen und Intuitionen noch unbeschwert und unbehindert von schulphilosophischen Deutungsautomatismen eingebracht werden konnten.

Wie nicht anders zu erwarten blieb der Dialog unabgeschlossen. Eine Folgeveranstaltung ist für den Jahresbeginn 2008 geplant.